Dienstag, 11. Februar 2014

Masslosigkeit: Ja, aber...

Wenn die SVP – wie sie das in ihrem Abstimmungskampf für die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» getan hat – behauptet, «Masslosigkeit schade», hat sie ja eigentlich recht. Nur müsste es ehrlicherweise heissen: «Kapitalismus schadet». Denn diese Masslosigkeit, dieses unbeirrte Festhalten an der Ideologie eines endlosen Wirtschaftswachstums, das Hin- und Herschieben von Gütern quer über alle Grenzen hinweg zu reinen Profitzwecken, die explodierenden Bodenpreise, Wohnungsmieten und Krankenkassenprämien, die wachsende Zahl von Menschen, die dem steigenden Leistungsdruck nicht gewachsen sind und zu «Sozialfällen» werden, die Abwanderung einer immer grösseren Zahl von Menschen aus Ländern, in denen es überhaupt keine Erwerbsmöglichkeiten gibt, in andere Länder, wo es im Vergleich zur vorhandenen Bevölkerung viel zu viele Erwerbsmöglichkeiten gibt, das damit verbundene, immer drastischere Auseinanderklaffen zwischen Zentren des Reichtums und Zonen der Armut, das rücksichtslose Verprassen natürlicher Ressourcen auf Kosten zukünftiger Generationen, die unaufhaltsame Verbetonierung wertvollsten Kulturlandes, die überfüllten Züge, die verstopften Strassen – dies alles ist ja nicht über Nacht zufällig vom Himmel gefallen, sondern ist nichts anderes als die ganz natürliche und logische Folge jenes Wirtschaftssystems, das man Kapitalismus nennt, und das nicht auf soziale Gerechtigkeit und schon gar nicht auf den Respekt gegenüber Mensch und Natur ausgerichtet ist, sondern einzig und allein darauf, mithilfe der Herstellung, des Handels und des Verkaufs einer unablässig wachsenden Menge an Gütern einen möglichst grossen und unablässig wachsenden materiellen Profit zu erzeugen. 
    Das Fatale daran ist, dass ausgerechnet die SVP, die bei jeder Gelegenheit für die grösstmögliche «Freiheit» und Selbstentfaltung einer durch und durch wachstumsorientierten kapitalistischen Wirtschaftslogik eintritt und sich gegen jegliche staatliche Kontrolle oder Einmischung zur Wehr setzt, gleichzeitig aus den zerstörerischen und lebensfeindlichen Auswirkungen dieses Systems am allermeisten politisches Kapital zu schlagen vermag, indem es ihr nämlich immer und immer wieder gelingt, die in der Bevölkerung vorhandenen Ängste und Frustrationen auf eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, die so genannten «Ausländerinnen» und «Ausländer», umzulenken.
    Erst eine umfassende und tiefgreifende Analyse der Prinzipien und daraus resultierenden Auswirkungen des kapitalistischen Denk-, Geld- und Wirtschaftssystems kann diesen Schwindel ans Licht bringen. So lange dies nicht erfolgt, kann keine echte Alternative zu jener «Masslosigkeit» in Form der kapitalistischen Wachstumsideologie entwickelt werden, der wir alle zusammen – ob «Linke» oder «Rechte», ob SP oder SVP – gleichermassen unterworfen sind. Einfach gesagt: Wir brauchen eine von Grund auf neue, nicht auf die Bedürfnisse des nach seiner Selbstvermehrung schreienden Kapitals, sondern auf die Bedürfnisse von Mensch und Natur ausgerichtete Wirtschaftsordnung. Alles andere ist reine Symptombekämpfung, Augenwischerei und Selbsttäuschung.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Wäre dieser Traum denn so absurd und fern aller Realität?

Es wäre mir schon genug schmerzvoll unter die Haut gegangen, dieses Bild vor ein paar Tagen in der Zeitung, auf dem eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem jordanischen Zeltlager zu sehen ist. Als ich dann aber, beim Anblick des jüngsten der vier Kinder im Arm seiner Mutter, unwillkürlich an mein Enkelkind erinnert wurde, schätzungsweise fast gleichen Alters, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen und mit einem Gesicht, das dem meines Enkelkindes so unglaublich ähnlich sieht, erfasste mich ein Gefühl so unbeschreiblicher Traurigkeit, dass ich dieses Bild seither nicht mehr aus meinem Kopf gebracht habe. Und je länger ich es vor mir sehe, umso weniger gelingt es mir, mich von dieser Traurigkeit wieder zu befreien.
   Ich musste diesem Kind einen Namen geben. Etwas, was ich schon machte, als ich selber ein Kind war: einem Menschen oder einem Tier, das mein Mitgefühl erweckt hatte, einen Namen zu geben. So war es mir viel näher, ich konnte mit ihm sprechen, es wurde zu einem Teil von mir. Wenn man im Internet nach einem syrischen Mädchennamen sucht, findet man zuallererst den Namen Zahira. Zahira, das Mädchen aus Syrien. Und Elina, mein Enkelkind, das Mädchen aus der Schweiz. Um die gleiche Zeit herum zwischen August und September des Jahres 2013 geboren, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen in den Armen einer Mutter. Und doch mit einer Lebensgeschichte dieser paar wenigen Monate, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Die ersten vier oder fünf Monate im Leben von Zahira und im Leben von Elina. Es war der Augenblick, als eine Frage um die andere durch meinen Kopf zu schiessen begann… 
    Gab es zu der Zeit, als Elina in einem sauberen, hellen und mit allem Komfort ausgestatteten schweizerischen Gebärsaal zur Erde kam, in jener Gegend, wo Zahiras Mutter ihr Kind erwartete, überhaupt irgendwo noch ein einigermassen funktionstüchtiges Spital? Oder wäre nur schon eine wärmende Decke ein Luxus gewesen, an den man nicht einmal zu denken wagte? Wo verbrachte Zahira, während Elina wenige Tage später von ihren Eltern nach Hause gebracht und in ihr süsses Himmelkinderbettchen voller bunter Spielzeuge gelegt wurde, die ersten Tage und Nächte ihres Lebens? In einem eiskalten Kellergewölbe unter den Trümmern ihres soeben in die Luft gesprengten Hauses? In einem Stall Seite an Seite mit ein paar Ziegen und Schafen, die wenigstens ein ganz klein wenig Wärme spendeten? Oder schon mitten auf der Flucht irgendwo auf einem offenen, sturmgepeitschten Feld unter Bombengewitter und dem ohrenbetäubenden Krachen feuerspeiender Raketen? Hatten nicht Elina und Zahira im Augenblick ihrer Geburt noch genau die gleiche Sehnsucht gehabt nach einer Welt voller Liebe und Frieden? Wer und weshalb und was bestimmt, ob ein Kind inmitten des Paradieses oder inmitten der Hölle auf Erden geboren wird?
   Weiter und weiter, jede Frage ergibt eine nächste. Was hat Zahiras Mutter und was haben ihre Geschwister in ihrem so jungen Leben schon alles gesehen, wie viel Angst, wie viele Schmerzen, wie grosse Kälte und wie brennenden Hunger schon ertragen müssen? Gehörten sie vielleicht zu jener Gruppe von Flüchtlingen im Grenzgebiet zum Libanon, von denen anfangs Dezember 2013 berichtet wurde, sie seien von einem Rudel hungriger Wölfe angegriffen worden? Kam vielleicht der Vater ums Leben, als er seine Frau und seine Kinder zu retten versuchte? Oder war er schon längst zuvor als Soldat im Krieg ums Leben gekommen, haben sie überhaupt Nachricht von ihm, wissen sie überhaupt, ob er noch lebt? Ist Zahiras Schwester, die am rechten Bildrand zu sehen ist, vielleicht eines jener zahllosen Mädchen und jungen Frauen, die in den bald drei Jahren, da der syrische Bürgerkrieg nun schon wütet, Opfer einer oder gar mehrfacher, häufigst mit bestialischer Grausamkeit verübten Vergewaltigung geworden sind? Und hat Zahiras Bruder, der mit seinen tieftraurigen Augen in eine ferne Leere zu starren scheint, vielleicht mitansehen müssen, wie Menschen getötet oder gefoltert wurden, oder ist er gar selber von einem «Freiheitskämpfer» gefoltert worden, der ihn auf diese Weise dazu brachte, den Aufenthaltsort seines Vaters preiszugeben und ihn dadurch dem Tod auszuliefern? Und weshalb ist das Gesicht der Mutter nicht zu sehen? Versteckt sie es aus lauter Scham über das Elend ihrer Familie oder ist ihr Gesicht vielleicht durch einen Angriff mit Gift, Säure oder durch Granatensplitter so entstellt, dass sie es niemandem zu zeigen wagt?
   Und doch, inmitten allen Elends, dem auch die schlimmsten Gedankengänge nicht annähernd gerecht zu werden vermöchten: das Wunder der Liebe, die Hand des Mädchens am rechten Bildrand ganz sachte ans Händchen ihrer kleinen Schwester gedrückt, den Mund zu einem sanften Kuss geformt an ihrem Ärmchen, das zweite Mädchen, links, als versuchte sie mit äusserster Anstrengung, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, ihren kleinen Bruder aus seiner Trauer und seiner Leere herauszureissen, ihm ein klein wenig Mut zu machen, ihm ein kleines bisschen Lebensfreude, vielleicht sogar ein Lächeln abzugewinnen. Woher kommt das alles, inmitten dieser unermesslichen Grausamkeit, diese Liebe, diese Zärtlichkeit, diese Sanftmut, diese Kraft in einem Kind, das selber bis zum Äussersten geschunden wurde und dennoch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, der kleinen Schwester oder dem kleinen Bruder, dem es noch viel schlechter geht als ihm selber, ein wenig Trost zu geben, ihn ein bisschen aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen? Ich sehe die Männer vor mir, die jetzt gerade an der «Friedenskonferenz» in Genf an langen, mit reichlich Speis und Trank gedeckten Tischen sitzen, mit finsterer Miene und verschlossenem Gesicht, und sich bis zum Äussersten dagegen wehren, mit jenen, die sie als ihre «Feinde» bezeichnen, auch nur einen einzigen Blick oder ein einziges Wort auszutauschen. Und ich sehe die Hand des kleinen Mädchens, ihren weichen Mund, den leeren Blick des kleinen Bruders und diese dunkle Stelle, wo sich das Gesicht der Mutter noch immer verbirgt. Weshalb sitzen an den Tischen in Genf nur die Männer und nicht eine einzige Frau und erst recht nicht ein einziges Kind?
   Mehr als sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer haben seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen müssen, viele von ihnen haben alles verloren, was ihnen lieb gewesen war, die besten Freunde, Nachbarn, Geschwister, den Vater, die Mutter, die eigenen Kinder. Die meisten von ihnen sind immer noch auf der Flucht, andere wiederum mussten aus Gegenden, in denen sie sich schon sicher wähnten, von neuem fliehen, und wieder andere sind seit Wochen und Monaten in Dörfern oder Städten eingekesselt, welche von der Aussenwelt vollkommen abgeschnitten sind, ohne jeglichen Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Westliche Reisende, die Syrien vor dem Bürgerkrieg besucht hatten, berichteten übereinstimmend, sie seien in wenigen anderen Ländern so gastfreundlich aufgenommen worden wie in diesem Land und nirgendwo sonst hätten die Menschen so viel gelacht und seien so fröhlich gewesen wie hier. Das ist jetzt alles Vergangenheit.
   Und auf einmal empfinde ich nur noch ein riesiges Gefühl von Scham. Ich schäme mich für dieses «reichste» Land der Welt, in dem ich lebe. Ich schäme mich für ein Land, in dem sich die Menschen hinter den immer dickeren Mauern ihres Wohlstands verstecken und so tun, als würden sie vom Rest der Welt nichts sehen und nichts hören. Ich schäme mich für ein Land, in dem eine Mehrheit der Bevölkerung unlängst einer Abschaffung jenes über Jahrzehnte bewährten Botschaftsasyls zugestimmt hat, das gerade für die Schwächsten unter den Flüchtlingen, die Frauen und die Kinder, nicht selten die einzige und letzte Möglichkeit bot, auf legalem Weg lebensbedrohender Verfolgung zu entrinnen und an einem sicheren Ort Schutz zu finden. Ich schäme mich für ein Land, dessen Antwort auf die Schreckensbilder tot oder halbverhungert an den Küsten Südeuropas aufgefundener Flüchtlinge einzig und allein darin besteht, noch effizientere Überwachungssysteme zu entwickeln und die Grenzen noch undurchlässiger zu machen, als sie es schon sind. Ich schäme mich für ein Land, in dem ein ganzes Dorf, als gäbe es keine grösseren Probleme, an der Urne darüber abzustimmen hat, ob es zwei aus Somalia stammenden Mädchen gestattet werden soll oder nicht, während des Schulunterrichts ein Kopftuch zu tragen – statt die beiden Mädchen mit aller Herzlichkeit willkommen zu heissen, sich dafür zu interessieren, wie es ihnen geht, was sie, bevor sie in die Schweiz kamen, alles erlebt hatten und was man dazu beitragen könnte, ihnen das Leben in ihrer neuen Heimat so angenehm wie nur möglich zu machen. Ich schäme mich für ein Land, in dem «Fremde» in erster Linie als Feinde und Eindringlinge betrachtet werden und nicht als Gäste und Freunde. Ich schäme mich für ein Land, wo es schon fast als «normal» angesehen wird, andere Menschen bloss aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer Religionszugehörigkeit in «Gut» und «Böse» einzuteilen. Und ich schäme mich für ein Land, dessen Parlament ausgerechnet in einer Zeit, da sich weltweit mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut befinden, nichts Gescheiteres weiss, als Waffenexporte – nachdem dies seit vielen Jahren unzulässig gewesen war – zukünftig erneut auch wieder in solche Staaten zuzulassen, wo elementarste Menschenrechte mit Füssen getreten werden.
   Waren wir nicht alle im Augenblick unserer Geburt, genauso wie Elina und Zahira und alle anderen Kinder, die je geboren wurden und noch geboren werden, voller Sehnsucht nach einer Welt endloser Liebe und ewigen Friedens? Wann und weshalb hören diese Liebe, diese Sanftmut, diese Zärtlichkeit, die ein jedes Kind von Anbeginn seines Lebens in sich trägt, bei so vielen Menschen im Laufe ihres Älterwerdens irgendwann auf, um bei den einen in Gewalt, bei den anderen in Hass und bei wiederum anderen in puren Eigennutz oder totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer umzuschlagen? Ist die Hoffnung, eines Tages möge die Welt so aussehen, wie sie von uns allen als Kindern einmal erträumt war, denn so absurd und fern aller Realität? Die Menschheit hat es geschafft, bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane und bis zu den äussersten Planeten des Sonnensystems vorzudringen, Informationen jeglichen beliebigen Umfangs und jeglicher beliebiger Komplexität innerhalb von Sekundenbruchteilen über die ganze Erde zu verbreiten, ganze Körperteile vom einen Organismus in einen anderen umzupflanzen, Krankheiten, die während Tausenden von Jahren als unheilbar galten, zu heilen, lebende und tote Materie in ihre allerkleinsten, unsichtbaren Teile zu zerlegen, neu zusammenzusetzen und zu Stoffen und Substanzen jeglicher gewünschter Qualität umzubilden. Und da sollten wir allen Ernstes nicht fähig sein eine Zukunft zu erschaffen, in der ein jedes Kind ganz unabhängig davon, wo es geboren wird, das gleiche Recht auf ein Leben in Liebe und Frieden hat und es weder dem Zufall, noch dem Schicksal, noch irgendetwas anderem überlassen wird, darüber zu entscheiden, ob ein Kind, wenn es geboren wird, in der Hölle landet oder im Paradies?

Donnerstag, 30. Januar 2014

Eine Selektionsschule kann nicht zugleich eine Lernschule sein

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass eine Selektionsschule zugleich eine Lernschule ist. Die schulische Selektion ist der Todfeind jenes Lernens, das in den ersten Lebensjahren bei allen Kindern so hoffnungslos und so erfolgreich begonnen hatte. Und es gibt kein «anderes» Lernen als dieses. Das stürzt nicht nur die Kinder in der Schule in ein unausweichliches Dilemma, sondern auch die Lehrkräfte. Ihre – pädagogische – Aufgabe würde ja eigentlich darin bestehen, den Kindern möglichst viel Wissen und möglichst viele Fertigkeiten beizubringen und ihnen alles so gut zu erklären und alles so lange und gründlich zu üben, bis alle Kinder alles könnten. Die Folge wäre, dass alle Kinder, wenn man denn ihre Lernleistungen überhaupt noch mit Noten messen müsste, schliesslich die Bestnote erhalten würden. Der Lehrer weiss aber von Anfang an, dass ihm dies gar nicht erlaubt wäre. Der Selektionsauftrag zwingt ihn dazu, zu viel Stoff zu vermitteln, zu wenig gründlich zu erklären und zu wenig Zeit zu geben, denn nur so kann er seine Klasse in «gute» und «schlechte» Schülerinnen und Schüler unterteilen. So absurd ist dieses System, dass ein Lehrer, wenn eine Prüfung zu «gut» ausfällt, in aller Regel gezwungen ist, im Nachhinein den Notendurchschnitt künstlich zu senken, indem er den Bewertungsmassstab so weit nach unten drückt, bis der Notendurschnitt mit ungefähr 4,5 dort liegt, wo er «normalerweise» liegen sollte. Mit anderen Worten: Er muss seine Schülerinnen und Schüler nachträglich dafür bestrafen, dass sie zu viel, zu gut und zu gründlich gelernt haben bzw. er sie bei ihrem Lernen zu gut und zu erfolgreich unterstützt hat.
   Das Dilemma, in dem sich die Lehrkräfte befinden, geht aber noch viel weiter. Ständig sind sie gezwungen, die Kinder zu belügen und ihnen etwas vorzugaukeln, was sie – als deren «Vorbilder»! – gleichzeitig selber vor deren Augen täglich mit Füssen treten. Sie bemühen sich den Kindern weiszumachen, alle könnten alles lernen, wenn sie sich nur genug anstrengten, dabei wissen sie ganz genau, dass sie ihren Unterricht so gestalten müssen, dass es gar nicht möglich ist, dass alle alles lernen können. Was wiederum zur Folge hat, dass jene Kinder, die das Ziel ihres Lernens nicht erreichen, daraus den Schluss ziehen, sie seien selber daran schuld – der Lehrer hat ihnen ja nie erklärt, dass der Grund ganz ein anderer ist. Die zweite grosse Lüge der Lehrer ist die, dass sie bei jeder Gelegenheit an das «soziale Verhalten» der Kinder appellieren, die Wichtigkeit der «Sozialkompetenz» betonen und die Kinder dazu anspornen, kameradschaftlich zu sein und einander zu helfen – während sie sie gleichzeitig einem gnadenlosen gegenseitigen Konkurrenzkampf um Noten und Zukunftschancen aussetzen, bei dem es letztlich um nichts anderes geht als darum, unbedingt als «Sieger» und auf keinen Fall als «Verlierer» hervorzugehen. Besonders drastisch zeigt sich das immer dann, wenn der gleiche Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler soeben zu Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Anteilnahme ermahnt hat, ohne mit der Wimper zu zucken dem erstbesten Schüler, den er dabei erwischt, wie er während einer Prüfung einem anderen einen Notizzettel zuschiebt, eine Strafstunde aufbrummt oder sein Prüfungsergebnis für ungültig erklärt.
   Die staatliche Volksschule war seit ihren ersten Anfängen bis heute nie etwas anderes als eine Selektionsschule. Daran haben auch die zahlreichen kleineren und grösseren «Reformen», welche im Laufe der Zeit der Schule nach und nach ein neues, «moderneres» Gesicht zu verleihen versucht haben, nicht grundlegend etwas verändert, der innerste Kern ist immer noch genau der gleiche. Wenn die Schule als Selektionsschule zu Ende gehen soll, um einer echten Lernstätte Platz zu machen, dann bedeutet dies daher weit mehr als eine weitere Reform im Zuge vieler anderer. Wenn die Selektionsschule zu Ende geht, dann geht auch fast alles andere, was Schule heute noch ausmacht, zu Ende. Wie ein Kartenhaus, das in sich zusammenfällt, weil es an der Zeit ist, nicht nur die alt gewordenen Karten, sondern auch das Fundament, auf dem sie aufgebaut wurden, auszuwechseln und das Ganze von Grund auf neu aufzubauen…

(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)

Montag, 27. Januar 2014

Respektlos und dumm

Ein unter anderem auch in unserer Lokalzeitung, dem «Werdenberger & Obertoggenburger» vom 27. Januar, veröffentlichtes Inserat des der SVP nahestehenden «Egerkinger-Komitees» zur Abstimmung über die «Masseneinwanderungsinitiative» zeigt eine Grafik, bei der eine rote Kurve unten links im Jahre 1970 beginnt und dann immer steiler nach oben steigt, um irgendwo etwa beim Jahr 2040 zu enden. Im rot gefüllten Feld, das die wachsende Anzahl des muslimischen Anteils an der Schweizer Bevölkerung darstellen soll, ist eine in eine schwarze Burka gekleidete Frau zu sehen und zuoberst steht in roten Lettern: «Bald 1 Million Muslime?». Weshalb und vor wem will uns dieses Inserat Angst machen? Von allen Muslimen, die ich persönlich kenne, entsprechen kein Einziger und keine Einzige dem Bild, das in diesem Inserat gezeichnet wird. Alle Muslime, die ich kenne, sind Menschen wie du und ich, gehen täglich zur Schule oder zur Arbeit, fallen weder durch ihre Kleidung noch durch ihr Benehmen speziell auf, sind offen, umgänglich und praktizieren ihre Religion nicht anders als die allermeisten Christinnen und Christen, nämlich ohne jeglichen Fanatismus und ohne Angehörige anderer Religionsgruppen davon überzeugen zu wollen, ihre Religion sei besser als andere. Menschen bloss auf ihre Religionszugehörigkeit zu reduzieren und dieser erst noch eine einseitig negative Symbolik zuzuschreiben, ist nicht nur unanständig und respektlos, sondern auch so ziemlich das Dümmste, was man tun kann, werden doch genau dadurch Vorurteile und Hassgefühle hervorgerufen, die es vorher gar nicht gegeben hat. Dass die Befürworter der «Masseneinwanderungsinitiative» zu solchen Mitteln greifen müssen, zeigt, dass sie für ihr Anliegen offensichtlich keine besseren und wirklich überzeugenden Argumente haben.

Dienstag, 21. Januar 2014

Verzerrte Darstellung der Realität

Eine Karikatur auf der Titelseite des heutigen «Tages-Anzeigers» zeigt den syrischen Präsidenten Assad als blutrünstigen Diktator, dem es, mit lachendem Gesicht, offensichtlich Spass bereitet, zuzuschauen, wie Damaskus in Flammen steht, von Detonationen erschüttert und von Militärflugzeugen bombardiert wird. Eine Darstellung, welche die Realität sehr einseitig und verzerrt widergibt. Der bekannte Nahostexperte Arnold Hottinger spricht vielmehr von einer Gewaltspirale, in der sich das Assad-Regime und seine Gegner seit bald drei Jahren mit steigender gegenseitiger Brutalität bekämpfen. Den syrischen Bürgerkrieg bloss als Machwerk eines despotischen, skrupellosen Herrschers zu erklären, greift zu kurz und blendet die unbeschreiblichen Gräueltaten aus, die in diesem Krieg insbesondere auch von den Kämpfern der Al-Qaida und der Al-Nusra-Front begangen werden. Deshalb kann der Syrienkonflikt auch nicht einfach durch eine Absetzung Assads gelöst werden, sondern nur dadurch, dass sich sämtliche Konfliktparteien in gemeinsamem Dialog, so wie dies nun an der Konferenz in Genf versucht wird, auf eine friedliche Zukunft dieses über alle Massen leidgeprüften Landes einigen.

Sonntag, 19. Januar 2014

Notwendige Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Humor und Menschenverachtung

In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger vom 18. Januar vertritt Kabarettist und TV-Moderator Victor Giacobbo die Ansicht, es sei «lächerlich», dass der Theatermacher Samuel Schwarz und der Lyriker Raphael Urweider gegen das Schweizer Fernsehen eine Strafanzeige einreichen wollen wegen eines Sketchs, in dem Birgit Steinegger eine dunkelhäutige Frau gespielt hat. Diese Aussage Giacobbos erstaunt mich sehr, da die Art und Weise, wie die Person dargestellt wurde – mit rollenden Augen, dickem Hintern und einer rudimentären Sprache –, eindeutig diskriminierend wirkt und wegen ihres rassistischen, in den USA als «Blackfacing» bezeichneten Hintergrunds dort schon lange verpönt ist. Künstlerische Freiheit in Ehren, sie hat aber dort ihre Grenze, wo Humor in Respektlosigkeit und Menschenverachtung umzuschlagen beginnt. Dass diese Grenze in letzter Zeit zunehmend durchlässiger zu werden scheint und die Intervention von Schwarz und Urweider daher auch im Sinne einer Signalwirkung überaus wichtig ist, zeigt auch das Beispiel des mit dem Deutschen Kabarettpreis 2013 ausgezeichneten Schweizer Satirikers Andreas Thiel, der sich gerne über ganze Völker, Religionen und Kulturen diffamierend auslässt, Vorurteile und Feindbilder schürt und sich kürzlich in einem Zeitungsinterview sogar zur Aussage verstieg, Muslime seien «irgendwo im Übergang zwischen Neandertaler und Homo sapiens stecken geblieben.» Wenn denen, die so etwas nicht lustig finden, vorgehalten wird, sie seien humorlos, dann müsste man wohl wieder einmal in Erinnerung rufen, dass wahrer Humor nichts zu tun hat mit Menschenverachtung und Hass, sondern im Gegenteil: mit Respekt, Sorgfalt und der Kunst, sich nicht über andere, sondern über sich selber lustig zu machen.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Eine Welt ohne Glühbirnen, ohne die Zauberflöte und ohne jegliches Wissen um die Grenzen von Raum und Zeit

Sie sei, so ist über die 2008 verstorbene Pina Bausch zu erfahren, in ihrer Kindheit «ein Zappelphilipp und voller Phantasie» gewesen. Die in einem Gasthaus Aufgewachsene sei jeweils, statt ins Bett zu gehen, unter einen der Wirtshaustische gekrochen und habe unbemerkt den Gesprächen der Erwachsenen gelauscht oder sei in den Garten hinausgeschlichen, um in einem verfallenen Treibhaus Theater zu spielen. Schliesslich hätten Hotelgäste den Eltern geraten, die Tochter doch ins Kinderballett zu schicken. Und so begann die Karriere jener Frau, die heute zu den bisher weltweit bedeutendsten Tänzerinnen und Choreografinnen zählt.
   Heute würde man einem solchen Mädchen, statt es in eine Ballettschule zu schicken, höchstwahrscheinlich viel eher eine tägliche Dosis Ritalin verabreichen, das ist billiger, wirkt schneller und ist erst noch viel weniger aufwendig…
   Pina Bausch, Leonardo da Vinci, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig Van Beethoven, Thomas Edison, Albert Einstein, Dustin Hoffmann, Jennifer Lopez, Christoph Kolumbus, Edgar Allan Poe, Bill Gates, Michael Jackson, Michael Phelps, Carl Lewis, Astrid Lindgren, Benjamin Franklin, Jack Nicolson, Winston Churchill, George Bernard Shaw, Salvador Dali und Abraham Lincoln – sie alle, wenn man ihre Biografien näher betrachtet, waren mit allergrösster Wahrscheinlichkeit in ihrer Kindheit das, was man heute als «ADHS-Kinder» bezeichnet – jene Kinder also, die unter der traditionellen Lehrplan- und Selektionsschule wohl noch unvergleichlich viel mehr leiden als alle anderen Kinder. Denn einen grösseren Gegensatz als den zwischen einer auf Gehorsam, Unterwürfigkeit, Konformität und Gleichschaltung ausgerichteten Schule und diesen «wild» und voller Witz und Phantasie geborenen Kinder kann man sich nun wirklich nicht mehr vorstellen. Sie, die «ADHS-Kinder», machen nicht nur Fehler, sie sind sozusagen mit allem, was sie tun, der Fehler in Person, indem sie nämlich gleich alles falsch machen, was man nur falsch machen kann: Sie reden, wenn sie zuhören sollten, sie stellen Fragen, wenn sie antworten sollten, sie rennen umher, wenn sie ruhig sein sollten, und wenn sie schlafen sollten, sind sie wach.
   Dabei wäre es gar nicht so schwierig, dies alles für einmal auch aus einer ganz anderen, entgegengesetzten Perspektive aus zu betrachten. So wie der Deutsche Bundesverband Arbeitskreis «Überaktives Kind» in einer im Jahre 2002 in Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin durchgeführten Studie, in der bewusst davon ausgegangen wurde, sich im Zusammenhang mit «ADHS» nicht primär auf die Defizite zu konzentrieren, sondern explizit auch Stärken und besondere Fähigkeiten der betroffenen Kinder zu erfassen. In die entsprechenden Befragungen einbezogen wurden sowohl Eltern von «ADHS-Kindern» wie auch Lehrkräfte, Kinder- und Jugendärzte. Helga Simchen, Kinderärztin und Psychotherapeutin, fasste die Ergebnisse dieser Studie wie folgt zusammen: «ADHS-Kinder denken assoziativ und vielschichtig, sie können mithilfe ihrer Fantasie ganz neue Wahrnehmungen erzeugen. Sie sind in der Lage, alles zu durchschauen und direkt zu hinterfragen; sie sind hellwach, wenn etwas sie interessiert. Ihnen kann man nichts vormachen, ihnen entgeht nichts. Sie hören und sehen mehr, als für andere wahrnehmbar ist. Ist ihr Interesse einmal geweckt, ist ihre Wissbegierde riesengross. Sie können sich dann sehr gut konzentrieren und Hervorragendes leisten. Sie besitzen einen Scharfblick mit starker Intuition, wie ihn sonst keiner hat. Sie können auch Gedachtes als real erleben, dank ihrer guten Fantasie. Sie denken vorwiegend visuell, das heisst, sie stellen sich alles in Bildern vor, da sie sich diese besser einprägen können. Ausgerüstet mit einem guten Selbstbewusstsein können Menschen mit ADHS gerade aufgrund ihrer aussergewöhnlichen Fähigkeiten in ihrem Leben Grosses vollbringen.»
   Sollen Schulen dereinst durch Lernzentren ersetzt werden, so müsste dies nur schon alleine diesen Kindern zuliebe geschehen. Denn es reicht bei weitem nicht aus, solchen «schwierigen», «auffälligen» oder «andersartigen» Kindern bloss ein wenig mehr Raum, ein wenig mehr Zuwendung und ein wenig mehr Liebe zu geben. Es reicht erst recht auch nicht aus, «störende» oder «lästige» Verhaltensweisen auf irgendeine auch noch so «sanfte» und «humane» Weise «wegzutherapieren». Nein, es geht um etwas grundsätzlich anderes. Nämlich darum, die bisherige Sichtweise buchstäblich auf den Kopf zu stellen: auszugehen davon, dass die «Wahrheit» nie in irgendeiner von Menschen geschaffenen Institution liegen kann, und sei sie noch so ausgeklügelt und «perfekt», sondern immer nur bei jedem einzelnen Kind, das hier und heute neu geboren wird und in diesem Augenblick uns allen, die schon hier sind, die Chance bietet, alles Bisherige neu und anders zu sehen. Oder könnten wir uns allen Ernstes eine Welt erwünschen, in der sich alle Menschen immer ähnlicher werden, kein Kind mehr nachts unter den Tisch der Erwachsenen kriecht, um heimlich ihren Gesprächen zu lauschen, niemand mehr sich nächtelang den Kopf zerbricht um irgendetwas gerade noch so Unvorstellbares zu erfinden wie Glühbirnen oder neue Gesetze für die Unendlichkeiten von Raum und Zeit, nie mehr so wundervolle Kunstwerke geschaffen werden wie die Mona Lisa oder die Zauberflöte und kein Mensch mehr auf so verrückte Ideen kommt wie auf geografischen Karten Länder und Kontinente einzuzeichnen, die es in der Wirklichkeit noch gar nicht gibt?

(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)