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Donnerstag, 6. Februar 2014

Wäre dieser Traum denn so absurd und fern aller Realität?

Es wäre mir schon genug schmerzvoll unter die Haut gegangen, dieses Bild vor ein paar Tagen in der Zeitung, auf dem eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem jordanischen Zeltlager zu sehen ist. Als ich dann aber, beim Anblick des jüngsten der vier Kinder im Arm seiner Mutter, unwillkürlich an mein Enkelkind erinnert wurde, schätzungsweise fast gleichen Alters, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen und mit einem Gesicht, das dem meines Enkelkindes so unglaublich ähnlich sieht, erfasste mich ein Gefühl so unbeschreiblicher Traurigkeit, dass ich dieses Bild seither nicht mehr aus meinem Kopf gebracht habe. Und je länger ich es vor mir sehe, umso weniger gelingt es mir, mich von dieser Traurigkeit wieder zu befreien.
   Ich musste diesem Kind einen Namen geben. Etwas, was ich schon machte, als ich selber ein Kind war: einem Menschen oder einem Tier, das mein Mitgefühl erweckt hatte, einen Namen zu geben. So war es mir viel näher, ich konnte mit ihm sprechen, es wurde zu einem Teil von mir. Wenn man im Internet nach einem syrischen Mädchennamen sucht, findet man zuallererst den Namen Zahira. Zahira, das Mädchen aus Syrien. Und Elina, mein Enkelkind, das Mädchen aus der Schweiz. Um die gleiche Zeit herum zwischen August und September des Jahres 2013 geboren, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen in den Armen einer Mutter. Und doch mit einer Lebensgeschichte dieser paar wenigen Monate, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Die ersten vier oder fünf Monate im Leben von Zahira und im Leben von Elina. Es war der Augenblick, als eine Frage um die andere durch meinen Kopf zu schiessen begann… 
    Gab es zu der Zeit, als Elina in einem sauberen, hellen und mit allem Komfort ausgestatteten schweizerischen Gebärsaal zur Erde kam, in jener Gegend, wo Zahiras Mutter ihr Kind erwartete, überhaupt irgendwo noch ein einigermassen funktionstüchtiges Spital? Oder wäre nur schon eine wärmende Decke ein Luxus gewesen, an den man nicht einmal zu denken wagte? Wo verbrachte Zahira, während Elina wenige Tage später von ihren Eltern nach Hause gebracht und in ihr süsses Himmelkinderbettchen voller bunter Spielzeuge gelegt wurde, die ersten Tage und Nächte ihres Lebens? In einem eiskalten Kellergewölbe unter den Trümmern ihres soeben in die Luft gesprengten Hauses? In einem Stall Seite an Seite mit ein paar Ziegen und Schafen, die wenigstens ein ganz klein wenig Wärme spendeten? Oder schon mitten auf der Flucht irgendwo auf einem offenen, sturmgepeitschten Feld unter Bombengewitter und dem ohrenbetäubenden Krachen feuerspeiender Raketen? Hatten nicht Elina und Zahira im Augenblick ihrer Geburt noch genau die gleiche Sehnsucht gehabt nach einer Welt voller Liebe und Frieden? Wer und weshalb und was bestimmt, ob ein Kind inmitten des Paradieses oder inmitten der Hölle auf Erden geboren wird?
   Weiter und weiter, jede Frage ergibt eine nächste. Was hat Zahiras Mutter und was haben ihre Geschwister in ihrem so jungen Leben schon alles gesehen, wie viel Angst, wie viele Schmerzen, wie grosse Kälte und wie brennenden Hunger schon ertragen müssen? Gehörten sie vielleicht zu jener Gruppe von Flüchtlingen im Grenzgebiet zum Libanon, von denen anfangs Dezember 2013 berichtet wurde, sie seien von einem Rudel hungriger Wölfe angegriffen worden? Kam vielleicht der Vater ums Leben, als er seine Frau und seine Kinder zu retten versuchte? Oder war er schon längst zuvor als Soldat im Krieg ums Leben gekommen, haben sie überhaupt Nachricht von ihm, wissen sie überhaupt, ob er noch lebt? Ist Zahiras Schwester, die am rechten Bildrand zu sehen ist, vielleicht eines jener zahllosen Mädchen und jungen Frauen, die in den bald drei Jahren, da der syrische Bürgerkrieg nun schon wütet, Opfer einer oder gar mehrfacher, häufigst mit bestialischer Grausamkeit verübten Vergewaltigung geworden sind? Und hat Zahiras Bruder, der mit seinen tieftraurigen Augen in eine ferne Leere zu starren scheint, vielleicht mitansehen müssen, wie Menschen getötet oder gefoltert wurden, oder ist er gar selber von einem «Freiheitskämpfer» gefoltert worden, der ihn auf diese Weise dazu brachte, den Aufenthaltsort seines Vaters preiszugeben und ihn dadurch dem Tod auszuliefern? Und weshalb ist das Gesicht der Mutter nicht zu sehen? Versteckt sie es aus lauter Scham über das Elend ihrer Familie oder ist ihr Gesicht vielleicht durch einen Angriff mit Gift, Säure oder durch Granatensplitter so entstellt, dass sie es niemandem zu zeigen wagt?
   Und doch, inmitten allen Elends, dem auch die schlimmsten Gedankengänge nicht annähernd gerecht zu werden vermöchten: das Wunder der Liebe, die Hand des Mädchens am rechten Bildrand ganz sachte ans Händchen ihrer kleinen Schwester gedrückt, den Mund zu einem sanften Kuss geformt an ihrem Ärmchen, das zweite Mädchen, links, als versuchte sie mit äusserster Anstrengung, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, ihren kleinen Bruder aus seiner Trauer und seiner Leere herauszureissen, ihm ein klein wenig Mut zu machen, ihm ein kleines bisschen Lebensfreude, vielleicht sogar ein Lächeln abzugewinnen. Woher kommt das alles, inmitten dieser unermesslichen Grausamkeit, diese Liebe, diese Zärtlichkeit, diese Sanftmut, diese Kraft in einem Kind, das selber bis zum Äussersten geschunden wurde und dennoch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, der kleinen Schwester oder dem kleinen Bruder, dem es noch viel schlechter geht als ihm selber, ein wenig Trost zu geben, ihn ein bisschen aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen? Ich sehe die Männer vor mir, die jetzt gerade an der «Friedenskonferenz» in Genf an langen, mit reichlich Speis und Trank gedeckten Tischen sitzen, mit finsterer Miene und verschlossenem Gesicht, und sich bis zum Äussersten dagegen wehren, mit jenen, die sie als ihre «Feinde» bezeichnen, auch nur einen einzigen Blick oder ein einziges Wort auszutauschen. Und ich sehe die Hand des kleinen Mädchens, ihren weichen Mund, den leeren Blick des kleinen Bruders und diese dunkle Stelle, wo sich das Gesicht der Mutter noch immer verbirgt. Weshalb sitzen an den Tischen in Genf nur die Männer und nicht eine einzige Frau und erst recht nicht ein einziges Kind?
   Mehr als sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer haben seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen müssen, viele von ihnen haben alles verloren, was ihnen lieb gewesen war, die besten Freunde, Nachbarn, Geschwister, den Vater, die Mutter, die eigenen Kinder. Die meisten von ihnen sind immer noch auf der Flucht, andere wiederum mussten aus Gegenden, in denen sie sich schon sicher wähnten, von neuem fliehen, und wieder andere sind seit Wochen und Monaten in Dörfern oder Städten eingekesselt, welche von der Aussenwelt vollkommen abgeschnitten sind, ohne jeglichen Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Westliche Reisende, die Syrien vor dem Bürgerkrieg besucht hatten, berichteten übereinstimmend, sie seien in wenigen anderen Ländern so gastfreundlich aufgenommen worden wie in diesem Land und nirgendwo sonst hätten die Menschen so viel gelacht und seien so fröhlich gewesen wie hier. Das ist jetzt alles Vergangenheit.
   Und auf einmal empfinde ich nur noch ein riesiges Gefühl von Scham. Ich schäme mich für dieses «reichste» Land der Welt, in dem ich lebe. Ich schäme mich für ein Land, in dem sich die Menschen hinter den immer dickeren Mauern ihres Wohlstands verstecken und so tun, als würden sie vom Rest der Welt nichts sehen und nichts hören. Ich schäme mich für ein Land, in dem eine Mehrheit der Bevölkerung unlängst einer Abschaffung jenes über Jahrzehnte bewährten Botschaftsasyls zugestimmt hat, das gerade für die Schwächsten unter den Flüchtlingen, die Frauen und die Kinder, nicht selten die einzige und letzte Möglichkeit bot, auf legalem Weg lebensbedrohender Verfolgung zu entrinnen und an einem sicheren Ort Schutz zu finden. Ich schäme mich für ein Land, dessen Antwort auf die Schreckensbilder tot oder halbverhungert an den Küsten Südeuropas aufgefundener Flüchtlinge einzig und allein darin besteht, noch effizientere Überwachungssysteme zu entwickeln und die Grenzen noch undurchlässiger zu machen, als sie es schon sind. Ich schäme mich für ein Land, in dem ein ganzes Dorf, als gäbe es keine grösseren Probleme, an der Urne darüber abzustimmen hat, ob es zwei aus Somalia stammenden Mädchen gestattet werden soll oder nicht, während des Schulunterrichts ein Kopftuch zu tragen – statt die beiden Mädchen mit aller Herzlichkeit willkommen zu heissen, sich dafür zu interessieren, wie es ihnen geht, was sie, bevor sie in die Schweiz kamen, alles erlebt hatten und was man dazu beitragen könnte, ihnen das Leben in ihrer neuen Heimat so angenehm wie nur möglich zu machen. Ich schäme mich für ein Land, in dem «Fremde» in erster Linie als Feinde und Eindringlinge betrachtet werden und nicht als Gäste und Freunde. Ich schäme mich für ein Land, wo es schon fast als «normal» angesehen wird, andere Menschen bloss aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer Religionszugehörigkeit in «Gut» und «Böse» einzuteilen. Und ich schäme mich für ein Land, dessen Parlament ausgerechnet in einer Zeit, da sich weltweit mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut befinden, nichts Gescheiteres weiss, als Waffenexporte – nachdem dies seit vielen Jahren unzulässig gewesen war – zukünftig erneut auch wieder in solche Staaten zuzulassen, wo elementarste Menschenrechte mit Füssen getreten werden.
   Waren wir nicht alle im Augenblick unserer Geburt, genauso wie Elina und Zahira und alle anderen Kinder, die je geboren wurden und noch geboren werden, voller Sehnsucht nach einer Welt endloser Liebe und ewigen Friedens? Wann und weshalb hören diese Liebe, diese Sanftmut, diese Zärtlichkeit, die ein jedes Kind von Anbeginn seines Lebens in sich trägt, bei so vielen Menschen im Laufe ihres Älterwerdens irgendwann auf, um bei den einen in Gewalt, bei den anderen in Hass und bei wiederum anderen in puren Eigennutz oder totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer umzuschlagen? Ist die Hoffnung, eines Tages möge die Welt so aussehen, wie sie von uns allen als Kindern einmal erträumt war, denn so absurd und fern aller Realität? Die Menschheit hat es geschafft, bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane und bis zu den äussersten Planeten des Sonnensystems vorzudringen, Informationen jeglichen beliebigen Umfangs und jeglicher beliebiger Komplexität innerhalb von Sekundenbruchteilen über die ganze Erde zu verbreiten, ganze Körperteile vom einen Organismus in einen anderen umzupflanzen, Krankheiten, die während Tausenden von Jahren als unheilbar galten, zu heilen, lebende und tote Materie in ihre allerkleinsten, unsichtbaren Teile zu zerlegen, neu zusammenzusetzen und zu Stoffen und Substanzen jeglicher gewünschter Qualität umzubilden. Und da sollten wir allen Ernstes nicht fähig sein eine Zukunft zu erschaffen, in der ein jedes Kind ganz unabhängig davon, wo es geboren wird, das gleiche Recht auf ein Leben in Liebe und Frieden hat und es weder dem Zufall, noch dem Schicksal, noch irgendetwas anderem überlassen wird, darüber zu entscheiden, ob ein Kind, wenn es geboren wird, in der Hölle landet oder im Paradies?

Dienstag, 21. Januar 2014

Verzerrte Darstellung der Realität

Eine Karikatur auf der Titelseite des heutigen «Tages-Anzeigers» zeigt den syrischen Präsidenten Assad als blutrünstigen Diktator, dem es, mit lachendem Gesicht, offensichtlich Spass bereitet, zuzuschauen, wie Damaskus in Flammen steht, von Detonationen erschüttert und von Militärflugzeugen bombardiert wird. Eine Darstellung, welche die Realität sehr einseitig und verzerrt widergibt. Der bekannte Nahostexperte Arnold Hottinger spricht vielmehr von einer Gewaltspirale, in der sich das Assad-Regime und seine Gegner seit bald drei Jahren mit steigender gegenseitiger Brutalität bekämpfen. Den syrischen Bürgerkrieg bloss als Machwerk eines despotischen, skrupellosen Herrschers zu erklären, greift zu kurz und blendet die unbeschreiblichen Gräueltaten aus, die in diesem Krieg insbesondere auch von den Kämpfern der Al-Qaida und der Al-Nusra-Front begangen werden. Deshalb kann der Syrienkonflikt auch nicht einfach durch eine Absetzung Assads gelöst werden, sondern nur dadurch, dass sich sämtliche Konfliktparteien in gemeinsamem Dialog, so wie dies nun an der Konferenz in Genf versucht wird, auf eine friedliche Zukunft dieses über alle Massen leidgeprüften Landes einigen.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Weihnachten im Libanon

Nachrichten auf Radio FM1, gestern Mittag. Der Nahe Osten sei von einem der härtesten Winter seit Jahrzehnten betroffen, in Israel hätten Zehntausende Haushalte keinen Strom und im Libanon seien innert kürzester Zeit 40 Zentimeter Schnee gefallen. Punkt, Ende. Es folgt ein Werbespot von Ikea St. Gallen: Was man dort für schöne Dinge kaufen könne und dass allen Kindern, die mit ihrer Familie zum Weihnachtseinkauf kommen, sogar ein kostenloses Mittagessen offeriert werde. Doch meine Gedanken sind beim härtesten Winter und dem Schnee in Libanon hängen geblieben. Weshalb wurde in den Nachrichten zwar erwähnt, dass in Israel Zehntausende Haushalte keinen Strom hätten, nicht aber, dass im Nordosten Libanons gegenwärtig Hunderttausende von Flüchtlingen aus dem syrischen Bürgerkrieg praktisch schutzlos heftigsten Stürmen und eisigsten Temperaturen ausgesetzt sind? Und weshalb wurde nicht darüber berichtet, dass ein grosser Teil der Zelte, in denen die Flüchtlinge notdürftigst untergebracht sind, bereits unter der zentnerschweren Schneelast eingebrochen sind? Und dass die meisten Kinder, die sich auf der Flucht aus dem Kriegsgebiet zu den Zeltlagern durch den tiefen Schnee hindurchkämpfen müssen, an ihren Füssen nicht einmal Socken tragen, höchstens ein Paar zerlumpter Sandalen? Und dass sich die hungernden und frierenden Flüchtlingsfamilien, die all ihr Hab und Gut verloren haben, zu alledem noch mit hungrigen Ratten und Wölfen herumschlagen müssen?
   Es kann kein Zufall sein. Heute Mittag, Nachrichten auf Radio SRF3. Wieder werden die israelischen Haushalte erwähnt, die immer noch ohne Strom sind. Und wieder kein Wort über das Elend der syrischen Flüchtlinge im Libanon inmitten eines der härtesten Winter seit Jahrzehnten. Wird all dieses unermessliche Elend etwa deshalb verschwiegen, weil es so ganz und gar nicht in diese «friedliche» Zeit passt, die wir mit Advent und Weihnachten gerade am Feiern sind? Oder liegt der Grund eher darin, dass wir uns einen dem europäischen Standard vergleichbaren israelischen Haushalt einfach viel besser vorstellen können und uns daher auch viel leichter in die Situation einer solchen Familie, der seit Tagen kein Strom zur Verfügung steht, einfühlen können als in eine Familie, die irgendwo ausserhalb aller Zivilisation, zu Tode erschöpft, ausgehungert und halbverfroren, von einem Rudel Wölfe angegriffen wird – obwohl zwischen dem einen und dem anderen bloss ein paar wenige hundert Kilometer liegen?
   Weihnachten 2013. War Jesus nicht auch ein Flüchtlingskind? Und fand das Ereignis, das wir in wenigen Tagen unter dem Weihnachtsbaum in unseren behaglich geheizten Stuben feiern werden, nicht in unmittelbarer Nähe jenes Gebietes statt, von dem wir, wenn kein Wunder geschieht, wohl schon bald die ersten Meldungen über verhungerte, erfrorene oder von Wölfen getötete syrische Flüchtlinge hören werden? Doch Hauptsache, das Weihnachtsgeschäft läuft und die Wirtschaftszahlen zeigen wieder nach oben und die Kinder bei Ikea können ihre Bäuche so richtig vollschlagen. Frohe Weihnachten!

Dienstag, 26. November 2013

Verschiedene Ansichten über das Unglaubliche

G.H. hat in unserer Lokalzeitung einen Leserbrief geschrieben mit dem Titel «Unglaublich!». Darin ereifert er sich darüber, dass Flüchtlinge aus Syrien in Bern für ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz demonstriert hätten. Die sollten, schreibt er, froh sein, dass sie überhaupt hier sein dürfen, und: «wenn es ihnen nicht passt, sollen sie verschwinden».
   Unglaublich finde ich es auch. Aber nicht, dass syrische Flüchtlinge dafür kämpfen, in der Schweiz bleiben zu dürfen, um nicht mehr in ihr kriegszerstörtes Land zurückkehren zu müssen, denn jeder von uns würde in der gleichen Situation genau das Gleiche tun. Unglaublich finde ich vielmehr, dass dieser Krieg bereits über 100‘000 Tote gefordert hat. Unglaublich finde ich, dass der Irak bereits 200‘000, die Türkei 510‘000, Jordanien 540‘000 und Libanon sogar 810‘000 syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, ohne dass die Bevölkerung der betroffenen Länder der Aufnahme dieser Flüchtlinge bisher massiven Widerstand entgegensetzt hätte. Unglaublich finde ich, dass im syrischen Bürgerkrieg sogar schon Kleinkinder gefoltert werden, Hunderttausende geflüchtete Familien über den Winter in ungeheizten Zelten und fast ohne Lebensmittel ausharren müssen und im Norden Syriens infolge fehlender Impfstoffe sogar die Kinderlähmung wieder ausgebrochen ist – um nur einige wenige unzähliger Schreckensmeldungen zu nennen, die täglich in unseren Medien zu lesen und zu hören sind.
   Damit alle diese Unglaublichkeiten ein möglichst rasches Ende finden, muss endlich an einer internationalen Konferenz mit allen beteiligten Parteien eine friedliche Lösung für die Zukunft Syriens gefunden werden. Wir alle können dazu etwas beitragen, indem wir den Bundesrat dazu auffordern, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit die auf Ende Januar in Genf geplante Friedenskonferenz nicht noch einmal auf einen unbestimmten Zeitpunkt hinausgeschoben wird.

Mittwoch, 4. September 2013

Scheinheilige Argumentation

Wie scheinheilig die Argumentation der US-Regierung ist, einen militärischen Schlag gegen Syrien in erster Linie damit zu begründen, dass mit dem Einsatz von Chemiewaffen eine "rote Linie" überschritten worden sei, zeigt ein kurzer Blick in ein anderes Kapitel der jüngsten Geschichte US-amerikanischer Aussenpolitik, den "Ersten Golfkrieg" von 1980 bis 1988. Damals wurden zwischen 50'000 und 100'000 Iraner durch irakische Giftgasangriffe getötet, was von den USA - welche den Irak militärisch unterstützten und einen grossen Teil der Chemiewaffen selber geliefert hatten - stillschweigend gebilligt wurde, und dies, obwohl Waffeninspektoren der UNO die irakische Armee mehrfach an den Pranger stellten.

Montag, 2. September 2013

Absurde Begründung für Militärschlag gegen Syrien

Selbst wenn, was immer noch nicht bewiesen ist, das Assad-Regime hinter der Giftgasattacke vom 21. August steckt, so ist die Idee, es sei die moralische Pflicht des Westens, Assad dafür mit einem Militärschlag zu "bestrafen", so ziemlich das Absurdeste, was man sich nur vorstellen kann. Bestraft würde mit einem solchen Militärschlag nämlich nicht Präsident Assad, dem gewiss die sichersten Bunker seines Landes zur Verfügung stehen, sondern einzig und allein die wehrlose syrische Zivilbevölkerung, die nach allem ihr bereits zugefügten Leiden bloss von noch grösserem Leiden betroffen wäre.

Sonntag, 1. September 2013

Chance nutzen

Nachdem US-Präsident Barack Obama bei seinem Entscheid über einen möglichen Militärschlag gegen Syrien den Kongress einbeziehen möchte, eröffnet sich die Chance, dass weltweit möglichst viele Menschen ihre Stimme gegen eine militärische Lösung dieses Konflikts erheben. Adressen für Friedenspetitionen sowie Briefe an die Regierungen der USA, Grossbritanniens und Frankreichs  sowie an die Mitglieder des US-Kongresses findet man unter https://www.facebook.com/dreampeacesyria. Jede Stimme zählt!

Donnerstag, 29. August 2013

Syrien braucht endlich Frieden

Niemals können Probleme, die aus Gewalt entstanden sind, mit Gewalt gelöst werden. Das Einzige, was Syrien nach so unermesslich vielem Leiden nun endlich braucht, ist ein sofortiges Schweigen aller Waffen und eine Friedenskonferenz, an der sich, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen, sämtliche Konfliktparteien beteiligen. Genau das verlangt eine vom bekannten nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal initiierte Friedensinitiative, die auf www.peaceinsyria.org unterzeichnet werden kann. JEDE STIMME ZÄHLT!

Dienstag, 27. August 2013

Demokratie mit Füssen getreten

Noch streiten sich die Experten, ob die syrischen Regierungstruppen oder eine der gegen das Regime kämpfenden Rebellengruppen für den Giftgaseinsatz vom 21. August verantwortlich zu machen sind. Und die zuständige UN-Untersuchungskommission hat ihre Arbeit vor Ort noch nicht einmal richtig aufgenommen. Zahlreiche unabhängige Beobachter können sich als Schuldige am Giftgaseinsatz eher eine der Rebellengruppen vorstellen als den syrischen Präsidenten, so auch der deutsche Politologe Michael Lüders in einem Bericht der „Südostschweiz“ vom 27.8.: „Zwar ist Assad jede Grausamkeit und Skrupellosigkeit zuzutrauen, doch kann er wirklich so dumm sein, durch den Einsatz von Chemiewaffen vor seiner Haustür eine Militärintervention und damit den eigenen Sturz zu provozieren?“ Trotz alledem scheint es für die Regierungen der USA, Grossbritanniens, Frankreichs und der Türkei gar keine Frage mehr zu sein, ob, sondern nur noch, wann sie gegen Syrien militärisch losschlagen werden. Dabei scheint es ihnen gar nicht schnell genug gehen zu können. Um nicht in letzter Minute in einen Erklärungsnotstand zu geraten, behaupten sie vorsorglicherweise schon jetzt – ohne dafür Beweise vorlegen zu können –, dass das syrische Regime bereits alle Spuren des Giftgasangriffs verwischt habe. Und so werden aller Voraussicht nach schon in wenigen Tagen die militärischen Schläge der Westmächte beginnen – gegen ein Land, das nach rund 100‘000 Toten, einer vielfachen Anzahl Schwerverletzter und mehreren Millionen Flüchtlingen nichts so wenig braucht als noch mehr Waffen, noch mehr Krieg, noch mehr Zerstörung. Das scheint wenigstens die Bevölkerung jener Länder, deren Regierungen nächstens ihre Truppen losschicken, begriffen zu haben: In jedem dieser Länder spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung gegen militärische Angriffe auf Syrien aus. Hohn der Geschichte: Ausgerechnet jene, welche ihre militärischen Pläne mit der Verteidigung demokratischer Grundwerte rechtfertigen und dem „Bösewicht“ Assad vorwerfen, er missachte den Willen seines Volkes, tun mit ihren eigenen Völkern genau dasselbe.