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Mittwoch, 18. Juni 2014

Lieber Herr Schweizer, von wegen «Jugos» und so

Lieber Herr Schweizer. Soeben haben Sie sich wieder einmal fürchterlich aufgeregt über jenen «Jugo» in Ihrer Nachbarschaft, von dem Sie mir schon einige Male erzählten. Wieder hätten Sie ihn in seinem BMW herumfahren sehen, ihn, dessen Frau, wie Sie in Erfahrung gebracht hätten, gleichzeitig auf dem Rathaus Sozialhilfegeld bezöge und erst noch in mehreren Haushalten schwarz arbeite. Aber bei der Mentalität dieser Leute, so meinten Sie, wäre das ja auch kein Wunder. Die würden einem das Fell über die Ohren ziehen, wo sie nur könnten.
   Lieber Herr Schweizer. Ich verstehe Ihren Unmut durchaus. Aber gleichzeitig frage ich mich, ob solche Dinge, die uns da in die Augen stechen und uns oft so masslos ärgern, nicht auch ein klein wenig mit uns selber zu tun haben, mehr als uns wahrscheinlich lieb ist. Wie ich das meine? Nun gut, lassen Sie es mich erklären…
   Versuchen wir das Ganze mal aus einer etwas grösseren Distanz zu betrachten. Ja genau, das meine ich: Die Tatsache, dass die Schweiz das reichste Land der Welt ist. Und dass wir diesen Reichtum nicht so sehr unserer eigenen Arbeit und auch nicht den Schätzen unseres Bodens und unserer Natur verdanken, sondern unter anderem zum Beispiel dem so genannten Bankgeheimnis, das über Jahrzehnte dafür sorgte, dass Unsummen von Geldern, welche brutalste Diktatoren quer über alle Kontinente aus ihren in bitterster Armut lebenden Völkern herausgepresst hatten, in der Schweiz gehortet wurden, um hier wiederum als Voraussetzung zu dienen für eine Vielzahl weiterer blühender Geschäfte, von denen wir alle miteinander bis heute und weiterhin profitieren. Während einem halben Jahrtausend, seit der Zeit des Sklavenhandels und der kolonialistischen Einverleibung der südlichen Hemisphäre durch die Industrie- und Militärnationen des Nordens, zog die Schweiz unaufhörlichen Nutzen aus jenem zutiefst ausbeuterischen Preisverhältnis zwischen billigsten, aus dem Süden importierten Rohstoffen und teuersten, an die dortigen Eliten exportierten Luxusgütern, wodurch sich die Früchte des Südens nach und nach ins Gold des Nordens verwandelten und die am meisten mit guter Erde und gutem Klima gesegneten Teile der Welt schliesslich zu jenen Hungergebieten wurden, wo heute insgesamt eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen haben, während wir uns den Wahnsinn leisten können, rund einen Drittel der gesamthaft gekauften Lebensmittel in den Müll zu werfen. Damit nicht genug. Ohne je in unserem eigenen Boden auch nur einen einzigen Tropfen Erdöl oder auch nur einen einzigen Diamanten gefunden zu haben, gehört die Schweiz dennoch bis heute zu den grössten Profiteuren im internationalen Rohstoffhandel. Selbst in der Herstellung und dem Verkaufen von Waffen und Rüstungsgütern, womit hierzulande Reichtum geschaffen wird durch Zerstörung und Elend in vielen anderen Ländern fern von uns, gehört die Schweiz, relativ zur eigenen Bevölkerungszahl, weiterhin zur Weltspitze. Und wenn es darum geht, als kleines Entgelt für dies alles wenigstens die Gelder für so genannte Entwicklungshilfe – die nur einen winzigen Bruchteil all jener zuvor geschaffenen Profite ausmacht – ein klein wenig zu erhöhen oder ein paar hundert zusätzliche Flüchtlinge aus fernen Kriegs- und Elendsgebieten aufzunehmen, dann will die überwiegende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung absolut nichts davon wissen oder hat für jene unverbesserlichen «Gutmenschen», die sich für solcherlei einsetzen, höchstens ein müdes Lächeln übrig. 
    Gäbe es dereinst so etwas wie ein Jüngstes Gericht, dann glaube ich nicht, dass wir Schweizer dabei besonders gut wegkämen. Wahrscheinlich wären wir in der langen Menschenschlange, die vor diesem Gericht antreten müsste, ziemlich weit vorne mit dabei und unser «Jugo» vermutlich viel, viel weiter hinten und die Flüchtlinge aus Nigeria oder Somalia, die im einen oder anderen unserer Warenhäuser ein Paar Turnschuhe geklaut hatten, die wären wahrscheinlich so weit hinten, dass wir sie überhaupt nicht mehr sehen würden.
   Könnte es sein, dass uns der «Jugo» vor allem deshalb so ärgert, weil er ganz offensichtlich etwas zur Schau trägt und ans Tageslicht bringt, was in jedem Einzelnen von uns selber ebenso tief verborgen liegt? Ist es unser eigenes schlechtes Gewissen, das uns beunruhigt? Sind wir nicht alle kleinere und grössere Gauner in diesem weltweiten Riesengaunersystem genannt Kapitalismus, in dem es schon längst zur obersten, allgemeinen, selbstverständlichen Regel geworden ist, dass jeder den anderen übers Ohr haut und ihm das Fell über die Ohren zieht, wo er nur kann? Bloss dass die einen sich den Luxus leisten können, dies ganz «legal» zu tun, im Rahmen so genannt demokratisch erlassener Gesetze, während die anderen dazu gezwungen sind und ihnen schlicht und einfach gar nichts anderes übrig bleibt, als sich ihre – nach der grossen Party der Reichen am Boden liegen gebliebenen – Brosamen dann halt ausserhalb dieser Gesetze, mit allen möglichen «illegalen» Mitteln zusammen zu klauben.
   Lieber Herr Schweizer. Lassen Sie Ihrem Ärger weiterhin bloss freien Lauf. Aber vergessen Sie dabei nicht, auch von Zeit zu Zeit in Ihren eigenen Spiegel zu schauen. Und vielleicht sind wir dann eines Tages so weit, dass wir von anderen nur jenes Mass an Fairness erwarten und verlangen können, das wir ihnen mit unserem eigenen Beispiel selber auch tatsächlich vorleben. Schön wäre es.

Dienstag, 8. April 2014

Der Islam eine Krankheit?

Der ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad vertritt in einem im heutigen «Tages-Anzeiger» veröffentlichten Interview die These, dass «der Islam aus verschiedenen Gründen faschistische Züge aufweist: Er unterteilt die Welt in Gläubige und Ungläubige; er schliesst Andersdenkende aus; er strebt die Weltherrschaft an; er tötet seine Gegner». Und weiter: «Die Quelle der Krankheit liegt im Ursprung des Islam. Das Problem der islamischen Welt ist, dass man entweder nicht anerkennen will, dass man krank ist, oder dass man stets die falsche Diagnose stellt und deshalb zur falschen Medizin greift.»
   Wenn Abdel-Samad Moslems und Islamisten unbesehen in den gleichen Topf wirft, macht er genau das Gleiche, was er dem Islam zum Vorwurf macht, nämlich die Welt in «Gut» und «Böse» einzuteilen, nur dass für ihn der Islam das Böse ist und der Rest der Welt das Gute. Zudem widerspricht er sich, wenn er einerseits sagt, das Christentum sei früher auch gewalttätig und kriegerisch gewesen, habe sich aber über die Jahrhunderte zu einer aufgeklärten Religion weiterentwickelt, während er dem Islam jegliche Chance zu einer ähnlichen Entwicklung abspricht mit der Begründung, der Islam sei schon von seiner «Quelle» an eine «Krankheit». Völlig einseitig und verzerrend auch sein Hinweis auf Beziehungen Adolf Hitlers zu islamistischen Gruppen wie etwa der Muslimbrüderschaft. Objektiverweise müsste Abdel-Samad dann nämlich auch auf die Beziehungen Hitlers zum Christentum hinweisen und in Erinnerung rufen, dass Hitler seinen Antisemitismus und damit den Völkermord an den Juden zum «Willen Gottes» und sich selber zu dessen Vollstrecker erklärte: «Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.»
   Glaubwürdiger wäre es, wenn Abdel-Samad nicht eine einzige Religion, den Islam, anprangern würde, sondern den Fundamentalismus als solchen, der sich in jeder Religion und Weltanschauung verstecken kann. Wenn er nämlich dem Islam vorwirft, «die Welt in Gläubige und Ungläubige zu unterteilen» und «Andersdenkende auszuschliessen», dann müsste er gar nicht so weit suchen, denn das tun zum Beispiel auch die Evangelikalen inmitten unseres so genannt «modernen» und «aufgeklärten» Christentums. Auch die Behauptung Abdel-Samads, es gäbe «keinen moderaten Islam», ist schlicht und einfach falsch. So gibt es zum Beispiel in der Schweiz gemäss einer Studie der ETH-Forschungsstelle für Sicherheit gerade mal einige Dutzend gewaltbereite Islamisten, und dies bei einer Gesamtzahl von rund 450‘000 in der Schweiz lebenden Moslems!
   Hamed Abdel-Samad lobt die Aufklärung, die Menschenrechte, den Fortschritt und die Demokratie. Er selber tut mit seinen einseitigen und diffamierenden Ausführungen, der Angstmacherei und dem Schüren von Feindbildern genau das Gegenteil.

Dienstag, 11. Februar 2014

Masslosigkeit: Ja, aber...

Wenn die SVP – wie sie das in ihrem Abstimmungskampf für die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» getan hat – behauptet, «Masslosigkeit schade», hat sie ja eigentlich recht. Nur müsste es ehrlicherweise heissen: «Kapitalismus schadet». Denn diese Masslosigkeit, dieses unbeirrte Festhalten an der Ideologie eines endlosen Wirtschaftswachstums, das Hin- und Herschieben von Gütern quer über alle Grenzen hinweg zu reinen Profitzwecken, die explodierenden Bodenpreise, Wohnungsmieten und Krankenkassenprämien, die wachsende Zahl von Menschen, die dem steigenden Leistungsdruck nicht gewachsen sind und zu «Sozialfällen» werden, die Abwanderung einer immer grösseren Zahl von Menschen aus Ländern, in denen es überhaupt keine Erwerbsmöglichkeiten gibt, in andere Länder, wo es im Vergleich zur vorhandenen Bevölkerung viel zu viele Erwerbsmöglichkeiten gibt, das damit verbundene, immer drastischere Auseinanderklaffen zwischen Zentren des Reichtums und Zonen der Armut, das rücksichtslose Verprassen natürlicher Ressourcen auf Kosten zukünftiger Generationen, die unaufhaltsame Verbetonierung wertvollsten Kulturlandes, die überfüllten Züge, die verstopften Strassen – dies alles ist ja nicht über Nacht zufällig vom Himmel gefallen, sondern ist nichts anderes als die ganz natürliche und logische Folge jenes Wirtschaftssystems, das man Kapitalismus nennt, und das nicht auf soziale Gerechtigkeit und schon gar nicht auf den Respekt gegenüber Mensch und Natur ausgerichtet ist, sondern einzig und allein darauf, mithilfe der Herstellung, des Handels und des Verkaufs einer unablässig wachsenden Menge an Gütern einen möglichst grossen und unablässig wachsenden materiellen Profit zu erzeugen. 
    Das Fatale daran ist, dass ausgerechnet die SVP, die bei jeder Gelegenheit für die grösstmögliche «Freiheit» und Selbstentfaltung einer durch und durch wachstumsorientierten kapitalistischen Wirtschaftslogik eintritt und sich gegen jegliche staatliche Kontrolle oder Einmischung zur Wehr setzt, gleichzeitig aus den zerstörerischen und lebensfeindlichen Auswirkungen dieses Systems am allermeisten politisches Kapital zu schlagen vermag, indem es ihr nämlich immer und immer wieder gelingt, die in der Bevölkerung vorhandenen Ängste und Frustrationen auf eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, die so genannten «Ausländerinnen» und «Ausländer», umzulenken.
    Erst eine umfassende und tiefgreifende Analyse der Prinzipien und daraus resultierenden Auswirkungen des kapitalistischen Denk-, Geld- und Wirtschaftssystems kann diesen Schwindel ans Licht bringen. So lange dies nicht erfolgt, kann keine echte Alternative zu jener «Masslosigkeit» in Form der kapitalistischen Wachstumsideologie entwickelt werden, der wir alle zusammen – ob «Linke» oder «Rechte», ob SP oder SVP – gleichermassen unterworfen sind. Einfach gesagt: Wir brauchen eine von Grund auf neue, nicht auf die Bedürfnisse des nach seiner Selbstvermehrung schreienden Kapitals, sondern auf die Bedürfnisse von Mensch und Natur ausgerichtete Wirtschaftsordnung. Alles andere ist reine Symptombekämpfung, Augenwischerei und Selbsttäuschung.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Wäre dieser Traum denn so absurd und fern aller Realität?

Es wäre mir schon genug schmerzvoll unter die Haut gegangen, dieses Bild vor ein paar Tagen in der Zeitung, auf dem eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem jordanischen Zeltlager zu sehen ist. Als ich dann aber, beim Anblick des jüngsten der vier Kinder im Arm seiner Mutter, unwillkürlich an mein Enkelkind erinnert wurde, schätzungsweise fast gleichen Alters, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen und mit einem Gesicht, das dem meines Enkelkindes so unglaublich ähnlich sieht, erfasste mich ein Gefühl so unbeschreiblicher Traurigkeit, dass ich dieses Bild seither nicht mehr aus meinem Kopf gebracht habe. Und je länger ich es vor mir sehe, umso weniger gelingt es mir, mich von dieser Traurigkeit wieder zu befreien.
   Ich musste diesem Kind einen Namen geben. Etwas, was ich schon machte, als ich selber ein Kind war: einem Menschen oder einem Tier, das mein Mitgefühl erweckt hatte, einen Namen zu geben. So war es mir viel näher, ich konnte mit ihm sprechen, es wurde zu einem Teil von mir. Wenn man im Internet nach einem syrischen Mädchennamen sucht, findet man zuallererst den Namen Zahira. Zahira, das Mädchen aus Syrien. Und Elina, mein Enkelkind, das Mädchen aus der Schweiz. Um die gleiche Zeit herum zwischen August und September des Jahres 2013 geboren, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen in den Armen einer Mutter. Und doch mit einer Lebensgeschichte dieser paar wenigen Monate, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Die ersten vier oder fünf Monate im Leben von Zahira und im Leben von Elina. Es war der Augenblick, als eine Frage um die andere durch meinen Kopf zu schiessen begann… 
    Gab es zu der Zeit, als Elina in einem sauberen, hellen und mit allem Komfort ausgestatteten schweizerischen Gebärsaal zur Erde kam, in jener Gegend, wo Zahiras Mutter ihr Kind erwartete, überhaupt irgendwo noch ein einigermassen funktionstüchtiges Spital? Oder wäre nur schon eine wärmende Decke ein Luxus gewesen, an den man nicht einmal zu denken wagte? Wo verbrachte Zahira, während Elina wenige Tage später von ihren Eltern nach Hause gebracht und in ihr süsses Himmelkinderbettchen voller bunter Spielzeuge gelegt wurde, die ersten Tage und Nächte ihres Lebens? In einem eiskalten Kellergewölbe unter den Trümmern ihres soeben in die Luft gesprengten Hauses? In einem Stall Seite an Seite mit ein paar Ziegen und Schafen, die wenigstens ein ganz klein wenig Wärme spendeten? Oder schon mitten auf der Flucht irgendwo auf einem offenen, sturmgepeitschten Feld unter Bombengewitter und dem ohrenbetäubenden Krachen feuerspeiender Raketen? Hatten nicht Elina und Zahira im Augenblick ihrer Geburt noch genau die gleiche Sehnsucht gehabt nach einer Welt voller Liebe und Frieden? Wer und weshalb und was bestimmt, ob ein Kind inmitten des Paradieses oder inmitten der Hölle auf Erden geboren wird?
   Weiter und weiter, jede Frage ergibt eine nächste. Was hat Zahiras Mutter und was haben ihre Geschwister in ihrem so jungen Leben schon alles gesehen, wie viel Angst, wie viele Schmerzen, wie grosse Kälte und wie brennenden Hunger schon ertragen müssen? Gehörten sie vielleicht zu jener Gruppe von Flüchtlingen im Grenzgebiet zum Libanon, von denen anfangs Dezember 2013 berichtet wurde, sie seien von einem Rudel hungriger Wölfe angegriffen worden? Kam vielleicht der Vater ums Leben, als er seine Frau und seine Kinder zu retten versuchte? Oder war er schon längst zuvor als Soldat im Krieg ums Leben gekommen, haben sie überhaupt Nachricht von ihm, wissen sie überhaupt, ob er noch lebt? Ist Zahiras Schwester, die am rechten Bildrand zu sehen ist, vielleicht eines jener zahllosen Mädchen und jungen Frauen, die in den bald drei Jahren, da der syrische Bürgerkrieg nun schon wütet, Opfer einer oder gar mehrfacher, häufigst mit bestialischer Grausamkeit verübten Vergewaltigung geworden sind? Und hat Zahiras Bruder, der mit seinen tieftraurigen Augen in eine ferne Leere zu starren scheint, vielleicht mitansehen müssen, wie Menschen getötet oder gefoltert wurden, oder ist er gar selber von einem «Freiheitskämpfer» gefoltert worden, der ihn auf diese Weise dazu brachte, den Aufenthaltsort seines Vaters preiszugeben und ihn dadurch dem Tod auszuliefern? Und weshalb ist das Gesicht der Mutter nicht zu sehen? Versteckt sie es aus lauter Scham über das Elend ihrer Familie oder ist ihr Gesicht vielleicht durch einen Angriff mit Gift, Säure oder durch Granatensplitter so entstellt, dass sie es niemandem zu zeigen wagt?
   Und doch, inmitten allen Elends, dem auch die schlimmsten Gedankengänge nicht annähernd gerecht zu werden vermöchten: das Wunder der Liebe, die Hand des Mädchens am rechten Bildrand ganz sachte ans Händchen ihrer kleinen Schwester gedrückt, den Mund zu einem sanften Kuss geformt an ihrem Ärmchen, das zweite Mädchen, links, als versuchte sie mit äusserster Anstrengung, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, ihren kleinen Bruder aus seiner Trauer und seiner Leere herauszureissen, ihm ein klein wenig Mut zu machen, ihm ein kleines bisschen Lebensfreude, vielleicht sogar ein Lächeln abzugewinnen. Woher kommt das alles, inmitten dieser unermesslichen Grausamkeit, diese Liebe, diese Zärtlichkeit, diese Sanftmut, diese Kraft in einem Kind, das selber bis zum Äussersten geschunden wurde und dennoch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, der kleinen Schwester oder dem kleinen Bruder, dem es noch viel schlechter geht als ihm selber, ein wenig Trost zu geben, ihn ein bisschen aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen? Ich sehe die Männer vor mir, die jetzt gerade an der «Friedenskonferenz» in Genf an langen, mit reichlich Speis und Trank gedeckten Tischen sitzen, mit finsterer Miene und verschlossenem Gesicht, und sich bis zum Äussersten dagegen wehren, mit jenen, die sie als ihre «Feinde» bezeichnen, auch nur einen einzigen Blick oder ein einziges Wort auszutauschen. Und ich sehe die Hand des kleinen Mädchens, ihren weichen Mund, den leeren Blick des kleinen Bruders und diese dunkle Stelle, wo sich das Gesicht der Mutter noch immer verbirgt. Weshalb sitzen an den Tischen in Genf nur die Männer und nicht eine einzige Frau und erst recht nicht ein einziges Kind?
   Mehr als sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer haben seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen müssen, viele von ihnen haben alles verloren, was ihnen lieb gewesen war, die besten Freunde, Nachbarn, Geschwister, den Vater, die Mutter, die eigenen Kinder. Die meisten von ihnen sind immer noch auf der Flucht, andere wiederum mussten aus Gegenden, in denen sie sich schon sicher wähnten, von neuem fliehen, und wieder andere sind seit Wochen und Monaten in Dörfern oder Städten eingekesselt, welche von der Aussenwelt vollkommen abgeschnitten sind, ohne jeglichen Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Westliche Reisende, die Syrien vor dem Bürgerkrieg besucht hatten, berichteten übereinstimmend, sie seien in wenigen anderen Ländern so gastfreundlich aufgenommen worden wie in diesem Land und nirgendwo sonst hätten die Menschen so viel gelacht und seien so fröhlich gewesen wie hier. Das ist jetzt alles Vergangenheit.
   Und auf einmal empfinde ich nur noch ein riesiges Gefühl von Scham. Ich schäme mich für dieses «reichste» Land der Welt, in dem ich lebe. Ich schäme mich für ein Land, in dem sich die Menschen hinter den immer dickeren Mauern ihres Wohlstands verstecken und so tun, als würden sie vom Rest der Welt nichts sehen und nichts hören. Ich schäme mich für ein Land, in dem eine Mehrheit der Bevölkerung unlängst einer Abschaffung jenes über Jahrzehnte bewährten Botschaftsasyls zugestimmt hat, das gerade für die Schwächsten unter den Flüchtlingen, die Frauen und die Kinder, nicht selten die einzige und letzte Möglichkeit bot, auf legalem Weg lebensbedrohender Verfolgung zu entrinnen und an einem sicheren Ort Schutz zu finden. Ich schäme mich für ein Land, dessen Antwort auf die Schreckensbilder tot oder halbverhungert an den Küsten Südeuropas aufgefundener Flüchtlinge einzig und allein darin besteht, noch effizientere Überwachungssysteme zu entwickeln und die Grenzen noch undurchlässiger zu machen, als sie es schon sind. Ich schäme mich für ein Land, in dem ein ganzes Dorf, als gäbe es keine grösseren Probleme, an der Urne darüber abzustimmen hat, ob es zwei aus Somalia stammenden Mädchen gestattet werden soll oder nicht, während des Schulunterrichts ein Kopftuch zu tragen – statt die beiden Mädchen mit aller Herzlichkeit willkommen zu heissen, sich dafür zu interessieren, wie es ihnen geht, was sie, bevor sie in die Schweiz kamen, alles erlebt hatten und was man dazu beitragen könnte, ihnen das Leben in ihrer neuen Heimat so angenehm wie nur möglich zu machen. Ich schäme mich für ein Land, in dem «Fremde» in erster Linie als Feinde und Eindringlinge betrachtet werden und nicht als Gäste und Freunde. Ich schäme mich für ein Land, wo es schon fast als «normal» angesehen wird, andere Menschen bloss aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer Religionszugehörigkeit in «Gut» und «Böse» einzuteilen. Und ich schäme mich für ein Land, dessen Parlament ausgerechnet in einer Zeit, da sich weltweit mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut befinden, nichts Gescheiteres weiss, als Waffenexporte – nachdem dies seit vielen Jahren unzulässig gewesen war – zukünftig erneut auch wieder in solche Staaten zuzulassen, wo elementarste Menschenrechte mit Füssen getreten werden.
   Waren wir nicht alle im Augenblick unserer Geburt, genauso wie Elina und Zahira und alle anderen Kinder, die je geboren wurden und noch geboren werden, voller Sehnsucht nach einer Welt endloser Liebe und ewigen Friedens? Wann und weshalb hören diese Liebe, diese Sanftmut, diese Zärtlichkeit, die ein jedes Kind von Anbeginn seines Lebens in sich trägt, bei so vielen Menschen im Laufe ihres Älterwerdens irgendwann auf, um bei den einen in Gewalt, bei den anderen in Hass und bei wiederum anderen in puren Eigennutz oder totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer umzuschlagen? Ist die Hoffnung, eines Tages möge die Welt so aussehen, wie sie von uns allen als Kindern einmal erträumt war, denn so absurd und fern aller Realität? Die Menschheit hat es geschafft, bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane und bis zu den äussersten Planeten des Sonnensystems vorzudringen, Informationen jeglichen beliebigen Umfangs und jeglicher beliebiger Komplexität innerhalb von Sekundenbruchteilen über die ganze Erde zu verbreiten, ganze Körperteile vom einen Organismus in einen anderen umzupflanzen, Krankheiten, die während Tausenden von Jahren als unheilbar galten, zu heilen, lebende und tote Materie in ihre allerkleinsten, unsichtbaren Teile zu zerlegen, neu zusammenzusetzen und zu Stoffen und Substanzen jeglicher gewünschter Qualität umzubilden. Und da sollten wir allen Ernstes nicht fähig sein eine Zukunft zu erschaffen, in der ein jedes Kind ganz unabhängig davon, wo es geboren wird, das gleiche Recht auf ein Leben in Liebe und Frieden hat und es weder dem Zufall, noch dem Schicksal, noch irgendetwas anderem überlassen wird, darüber zu entscheiden, ob ein Kind, wenn es geboren wird, in der Hölle landet oder im Paradies?

Montag, 27. Januar 2014

Respektlos und dumm

Ein unter anderem auch in unserer Lokalzeitung, dem «Werdenberger & Obertoggenburger» vom 27. Januar, veröffentlichtes Inserat des der SVP nahestehenden «Egerkinger-Komitees» zur Abstimmung über die «Masseneinwanderungsinitiative» zeigt eine Grafik, bei der eine rote Kurve unten links im Jahre 1970 beginnt und dann immer steiler nach oben steigt, um irgendwo etwa beim Jahr 2040 zu enden. Im rot gefüllten Feld, das die wachsende Anzahl des muslimischen Anteils an der Schweizer Bevölkerung darstellen soll, ist eine in eine schwarze Burka gekleidete Frau zu sehen und zuoberst steht in roten Lettern: «Bald 1 Million Muslime?». Weshalb und vor wem will uns dieses Inserat Angst machen? Von allen Muslimen, die ich persönlich kenne, entsprechen kein Einziger und keine Einzige dem Bild, das in diesem Inserat gezeichnet wird. Alle Muslime, die ich kenne, sind Menschen wie du und ich, gehen täglich zur Schule oder zur Arbeit, fallen weder durch ihre Kleidung noch durch ihr Benehmen speziell auf, sind offen, umgänglich und praktizieren ihre Religion nicht anders als die allermeisten Christinnen und Christen, nämlich ohne jeglichen Fanatismus und ohne Angehörige anderer Religionsgruppen davon überzeugen zu wollen, ihre Religion sei besser als andere. Menschen bloss auf ihre Religionszugehörigkeit zu reduzieren und dieser erst noch eine einseitig negative Symbolik zuzuschreiben, ist nicht nur unanständig und respektlos, sondern auch so ziemlich das Dümmste, was man tun kann, werden doch genau dadurch Vorurteile und Hassgefühle hervorgerufen, die es vorher gar nicht gegeben hat. Dass die Befürworter der «Masseneinwanderungsinitiative» zu solchen Mitteln greifen müssen, zeigt, dass sie für ihr Anliegen offensichtlich keine besseren und wirklich überzeugenden Argumente haben.

Sonntag, 19. Januar 2014

Notwendige Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Humor und Menschenverachtung

In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger vom 18. Januar vertritt Kabarettist und TV-Moderator Victor Giacobbo die Ansicht, es sei «lächerlich», dass der Theatermacher Samuel Schwarz und der Lyriker Raphael Urweider gegen das Schweizer Fernsehen eine Strafanzeige einreichen wollen wegen eines Sketchs, in dem Birgit Steinegger eine dunkelhäutige Frau gespielt hat. Diese Aussage Giacobbos erstaunt mich sehr, da die Art und Weise, wie die Person dargestellt wurde – mit rollenden Augen, dickem Hintern und einer rudimentären Sprache –, eindeutig diskriminierend wirkt und wegen ihres rassistischen, in den USA als «Blackfacing» bezeichneten Hintergrunds dort schon lange verpönt ist. Künstlerische Freiheit in Ehren, sie hat aber dort ihre Grenze, wo Humor in Respektlosigkeit und Menschenverachtung umzuschlagen beginnt. Dass diese Grenze in letzter Zeit zunehmend durchlässiger zu werden scheint und die Intervention von Schwarz und Urweider daher auch im Sinne einer Signalwirkung überaus wichtig ist, zeigt auch das Beispiel des mit dem Deutschen Kabarettpreis 2013 ausgezeichneten Schweizer Satirikers Andreas Thiel, der sich gerne über ganze Völker, Religionen und Kulturen diffamierend auslässt, Vorurteile und Feindbilder schürt und sich kürzlich in einem Zeitungsinterview sogar zur Aussage verstieg, Muslime seien «irgendwo im Übergang zwischen Neandertaler und Homo sapiens stecken geblieben.» Wenn denen, die so etwas nicht lustig finden, vorgehalten wird, sie seien humorlos, dann müsste man wohl wieder einmal in Erinnerung rufen, dass wahrer Humor nichts zu tun hat mit Menschenverachtung und Hass, sondern im Gegenteil: mit Respekt, Sorgfalt und der Kunst, sich nicht über andere, sondern über sich selber lustig zu machen.

Montag, 23. Dezember 2013

«Wir sind die Prinzen»

Was der holländische Beststellerautor Leon de Winter auf zwei vollen Seiten im heutigen Tages-Anzeiger an «Weisheiten» von sich gibt, hat nun wirklich nichts mehr mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung zu tun, sondern nur noch mit Respektlosigkeit, Unverständnis, um nicht zu sagen Dummheit. So sagt er, in Bezug auf Einwanderer, es sei zwar «nachvollziehbar, dass man mit einem Minimum an Arbeit ein Maximum an Sozialleistung zu bekommen versucht, es ist aber ebenso nachvollziehbar, dass die Einheimischen keine Freude haben, wenn immer mehr Menschen am Tropf ihres Sozialstaats hängen». Als einziges Beispiel nennt de Winter einen Rumänen, der an einer Strassenecke in Amsterdam den ganzen Tag lang die gleiche Melodie spielt und damit den Passanten das Geld aus der Tasche zieht. Mit keinem Wort erwähnt er jene Millionen von Ausländerinnen und Ausländern, die in den Fabriken, auf den Baustellen, in den Spitälern, im Gastgewerbe und in der Landwirtschaft der reicheren europäischen Länder tagtäglich jene harte und meist nicht besonders gut bezahlte Arbeit leisten, ohne die wir unsere vielgelobten «Sozialstaaten» niemals hätten aufbauen können. Aber es kommt noch besser: «Wir sind die Prinzen der Geschichte», sagt de Winter und gibt dann auf die von ihm selber gestellte Frage, weshalb «Migrantenkinder nicht in der Lage sind, ihre Schule erfolgreich abzuschliessen» gleich die aus seiner Sicht einzig mögliche Erklärung: «Es gibt eben gute und weniger gute Kulturen». Ich wünschte Herrn de Weck so viele wertvolle und bereichernde Begegnungen mit Ausländerinnen und Ausländern, wie ich sie während meiner Tätigkeit als Oberstufenlehrer und Gemeindepolitiker machen durfte, dann würde er eine solche Aussage zweifellos nicht mehr über sein Herz bringen.

Dienstag, 17. Dezember 2013

So schnell ändern sich die Zeiten

Kürzlich gab – wie das St. Galler Tagblatt am 11. Dezember 2013 berichtete – das Bundesgericht einem Entscheid des St. Galler Migrationsamtes Recht, wonach einer 51jährigen Frau und ihrem 46jährigen Partner, beide italienische Staatsangehörige, ab sofort die Niederlassungsbewilligung entzogen wird und sie deshalb die Schweiz verlassen müssen, und zwar ungeachtet des Umstands, dass beide in der Schweiz geboren wurden, nie irgendwo anders gelebt haben und auch ihre mittlerweile volljährige, sich noch in der Ausbildung befindliche Tochter hierzulande wohnhaft ist. Als «Vergehen», welche zu diesem Entscheid geführt haben, werden folgende genannt: Drogensucht, mehrere Straftaten im Zusammenhang mit Drogengeschäften, Diebstahl, Hehlerei, Körperverletzung, offene Verlustscheine, hohe Schulden, Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren und «fehlende Integration». Zugegeben, eine beachtliche Liste von «Verfehlungen» aller Art. Aber befinden wir uns da – vielleicht abgesehen vom Tatbestand der Körperverletzung – nicht schon in einem sehr gefährlichen und aller möglichen Willkür unterworfenen Graubereich? Sind Arbeitslosigkeit, fehlende Integration, hohe Schulden und die eigene Drogensucht tatsächlich so schwer wiegende Gründe, die es rechtfertigen, Menschen, die ihr ganzes bisheriges Leben in unserem Lande verbracht haben, im Alter von 50 Jahren auf Knall und Fall in ein ihnen gänzlich fremd gewordenes Land «zurückzuschicken», wo ihre bereits genug schlimme Lebenssituation höchstwahrscheinlich noch viel schlimmer sein wird, als sie es schon ist? Hätte ein Einwanderungsland wie die Schweiz, die ihren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern so viel zu verdanken hat, nicht auch eine gewisse moralische Pflicht, sich um diese Menschen auch dann noch sie zu kümmern, wenn sie uns gewisse «Schwierigkeiten» bereiten, wenn es ihnen weniger gut geht und sie auf soziale Sicherheit und Unterstützung gerade umso dringender angewiesen wären?
   Im Vorfeld der Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative sprach man fast nur von ausländischen Mördern und Vergewaltigern, die hier bei uns in der Schweiz nichts zu suchen hätten. Im Fokus stand dabei jenes Zerrbild eines ausländischen Messerstechers, den begreiflicherweise niemand bei sich zu Hause haben möchte, was dann sicher auch wesentlich dazu beitrug, dass die Ausschaffungsinitiative trotz völker- und menschenrechtlicher Bedenken von einer Mehrheit der Schweizer Bevölkerung angenommen wurde. Jetzt aber geht es bereits nicht mehr bloss um Mörder und Vergewaltiger, sondern schon um Menschen, die ihr Leben mit Drogen verpfuscht, über zu lange Zeit nicht gearbeitet und sich verschuldet haben. So schnell also ändern sich die Zeiten. Wird man nun schon bald auch übergewichtige oder übermässig Zigaretten rauchende Ausländerinnen und Ausländer ausschaffen mit dem Argument, sie würden unser Gesundheitssystem finanziell zu sehr belasten? Oder all jene ausländischen Familien, die mehr als drei Kinder auf die Welt stellen, mit der Begründung, sie verursachten viel zu hohe Ausgaben im Bildungsbereich? Oder gar jene ausländischen Maurer oder Tunnelbauer, die infolge eines schweren Arbeitsunfalls eine IV-Rente beziehen und damit unsere Staatskasse übermässig belasten?
    «Mit der Propaganda für die Ausschaffungsinitiative werden falsche Signale ausgesendet», warnte Rechtsanwalt Marc Spescha im August 2010. «Die Ausländerdebatte wird damit einmal mehr und diesmal erst recht und ausschliesslich zur Debatte über Ausländerkriminalität. Damit verfestigt sich ein Diskurs, der auf Ausgrenzung ausgerichtet ist. Das interkulturelle Klima wird vergiftet, wenn während Monaten das stereotype Bild vom Ausländer als Störenfried gezeichnet wird. Beteuerungen wie jene, dass man ja nicht alle Ausländer meine, sind eine billige Ausflucht. Sie ändern nichts daran, dass der Ausländer pauschal als Straftäter in den Fokus rückt.» Wer hätte damals gedacht, dass Spescha so bald schon Recht bekommen sollte!

Jetzt sofort hier unterschreiben: http://keine-ausschaffung.ch/


Dienstag, 26. November 2013

Verschiedene Ansichten über das Unglaubliche

G.H. hat in unserer Lokalzeitung einen Leserbrief geschrieben mit dem Titel «Unglaublich!». Darin ereifert er sich darüber, dass Flüchtlinge aus Syrien in Bern für ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz demonstriert hätten. Die sollten, schreibt er, froh sein, dass sie überhaupt hier sein dürfen, und: «wenn es ihnen nicht passt, sollen sie verschwinden».
   Unglaublich finde ich es auch. Aber nicht, dass syrische Flüchtlinge dafür kämpfen, in der Schweiz bleiben zu dürfen, um nicht mehr in ihr kriegszerstörtes Land zurückkehren zu müssen, denn jeder von uns würde in der gleichen Situation genau das Gleiche tun. Unglaublich finde ich vielmehr, dass dieser Krieg bereits über 100‘000 Tote gefordert hat. Unglaublich finde ich, dass der Irak bereits 200‘000, die Türkei 510‘000, Jordanien 540‘000 und Libanon sogar 810‘000 syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, ohne dass die Bevölkerung der betroffenen Länder der Aufnahme dieser Flüchtlinge bisher massiven Widerstand entgegensetzt hätte. Unglaublich finde ich, dass im syrischen Bürgerkrieg sogar schon Kleinkinder gefoltert werden, Hunderttausende geflüchtete Familien über den Winter in ungeheizten Zelten und fast ohne Lebensmittel ausharren müssen und im Norden Syriens infolge fehlender Impfstoffe sogar die Kinderlähmung wieder ausgebrochen ist – um nur einige wenige unzähliger Schreckensmeldungen zu nennen, die täglich in unseren Medien zu lesen und zu hören sind.
   Damit alle diese Unglaublichkeiten ein möglichst rasches Ende finden, muss endlich an einer internationalen Konferenz mit allen beteiligten Parteien eine friedliche Lösung für die Zukunft Syriens gefunden werden. Wir alle können dazu etwas beitragen, indem wir den Bundesrat dazu auffordern, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit die auf Ende Januar in Genf geplante Friedenskonferenz nicht noch einmal auf einen unbestimmten Zeitpunkt hinausgeschoben wird.

Dienstag, 24. September 2013

Geschichtsträchtige Tessiner Volksabstimmung

Der 22. September 2013 müsste eigentlich in die Geschichte der Schweiz eingehen als der Tag, an dem zum ersten Mal eine Volksabstimmung stattfand über etwas, was es gar nicht gibt. Die ominöse Burka nämlich, über welche die Tessinerinnen und Tessiner an diesem Tag abgestimmt haben und die gemäss einer Mehrheit von 65,4 Prozent der Bevölkerung zukünftig im öffentlichen Raum nicht mehr getragen werden darf, wurde in Tat und Wahrheit auf dem Gebiet des gesamten Kantons noch gar nie gesichtet – ausser bei einer Frau, welche für die besagte Volksinitiative Unterschriften gesammelt und sich zu diesem Zweck als Burkaträgerin verkleidet hatte. Leben wir tatsächlich schon in einer so vollkommenen Welt, dass uns die Probleme in der realen Wirklichkeit ausgegangen sind und sich neue politische Themen nur noch in der Welt des Irrealen und der Fiktionen finden lassen? Oder ist es so, dass sich mit Dingen, die man nicht kennt, viel leichter Angst machen lässt als mit Dingen, die man kennt und die einem daher auch vertraut sind? Dass dem tatsächlich so sein könnte, scheint auf der Hand zu liegen, hat sich doch bei sämtlichen Abstimmungen der vergangenen Jahre, bei denen es um das Zusammenleben zwischen Menschen «einheimischer» und «ausländischer» Herkunft ging, bestätigt, dass der Grad der «Fremdenfeindlichkeit» just in dem Masse zunimmt, als «einheimische» und «ausländische» Menschen nicht etwa mehr, sondern, ganz im Gegenteil, weniger Kontakt zueinander haben. Drum, wer zukünftig Abstimmungen gewinnen und sich damit politisch profilieren möchte, sucht am besten weitere, neue Themen in der Welt des Irrealen und der Fiktion. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Volksinitiative zur Einführung einer Abschussgenehmigung für allfällig im Oberwallis oder im Berner Oberland auftauchende Dinosaurier? Oder mit der Einführung einer unbefristeten und bedingungslosen Verweigerung des schweizerischen Bürgerrechts für Einwanderer aus ausserirdischen Galaxien? Oder mit einem neuen Bundesgesetz über Sicherheitsmassnahmen bei einer Tsunami-Katastrophe?