Seit Wochen tobt in der Schweizer Schullandschaft ein regelrechter «Sprachenstreit». Während die einen behaupten, je jünger ein Kind sei, umso leichter könne es eine Fremdsprache erlernen, gelangt eine soeben veröffentlichte Studie des «Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit» in Freiburg zum genau gegenteiligen Schluss: Im Fremdsprachenunterricht hätten ältere Schülerinnen und Schüler einen entscheidenden Vorteil gegenüber jüngeren. Die Alltagserfahrung lehrt uns indessen etwas ganz anderes, nämlich, dass für das Erlernen einer Fremdsprache nicht das Alter entscheidend ist, sondern die Motivation. Es gibt Vier- oder Fünfjährige, die schon zwei oder gar drei Sprachen perfekt beherrschen, wenn durch ihr tägliches mehrsprachiges Umfeld die hierfür notwendige Motivation gegeben ist. Es können sich aber auch noch 70-Jährige, wenn sie das von sich aus unbedingt wollen, ohne weiteres eine oder gar mehrere zusätzliche Fremdsprachen aneignen.
Der gegenwärtige Sprachenstreit könnte im besten Falle Anlass dazu sein, grundsätzlich über ein neues Schul- und Bildungssystem nachzudenken, in dem nicht mehr sämtlichen Kindern und Jugendlichen ein Einheitslehrplan übergestülpt wird, sondern alle Lernenden möglichst optimale Voraussetzungen zur Entfaltung ihrer individuellen Interessen und Begabungen vorfinden.
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Mittwoch, 24. September 2014
Montag, 16. Juni 2014
Jetzt weinen schon die Bäume
Brummender Motorenlärm zersägt die hochsommerliche Hitze in kleine scharfkantige Stücke flimmernder Luft und dort wo vor zwei Wochen noch eine grüne Wiese war gähnt jetzt nur noch ein riesiges brennendes Loch aufgewühlter Erde und durcheinandergewirbelter Steine spätestens im nächsten Frühjahr wird der an dieser Stelle entstehende neue Schulhaustrakt fertiggebaut sein und eingeweiht werden und die Kinder werden ihre schönsten Lieder zum Besten geben und der Gemeindepräsident und die Schulpräsidentin werden sich endlich gegenseitig zuprosten können denn viel zu lange schon hat man auf sie warten müssen die dringend benötigten Spezialzimmer und Therapieräume für die von Jahr zu Jahr grösser werdende Zahl von Kindern an denen auch die besten und geduldigsten Lehrerinnen und Lehrer immer öfters verzweifeln schon gut meint ein schräg gegenüber der Baustelle wohnender Nachbar die werden schon wissen was sie tun aber die Bäume hätte man doch wenigstens stehen lassen können zumindest den ganz grossen uralten mit seinem gerade im Hochsommer so wohltuend kühlenden Blätterdach und seinem reichen Astwerk an dem schon mal das eine oder andere besonders mutige Kind in schwindelnde Höhe hochgeklettert sei und auch das alte Mauerwerk und den halb verfallenen Geräteschuppen aus dessen Ziegeln und Brettern in den Händen der Kinder schon so manches kleines Kunstwerk entsprungen sei doch viel zu spät längst ist das alles nur noch Erinnerung zusammengekarrt von Baggern und aufgetürmt zu einem riesigen Haufen mit Stacheldrahtzaun von den Kindern abgesperrt die jetzt vor und nach dem Unterricht und während den Pausen nur noch auf einem kleinen Stück Rasen schattenlos in sengender Hitze Fussball spielen oder angelehnt an eine mannshohe Bretterwand mit gegen die Sonne zusammengekniffenen Augen ihre Pausenbrote verzehren im nächsten Frühjahr wird alles ganz anders sein und auch das letzte Kind auf der immer länger gewordenen Warteliste wird seine Therapie bekommen und auch für die Elterngespräche wird dann ein ausschliesslich zu diesem Zweck erstelltes Zimmer zur Verfügung stehen das Kind winzig klein in der grossen Runde zwischen dem Schulpsychologen der Schulleiterin seinem Klassenlehrer der Logopädin der Ergotherapeutin Kästchen auf langen Listen Fragen und Antworten Kreuzchen hier Kreuzchen dort und der ratlose Blick der Mutter und eine kaum sichtbare Träne im Gesicht des Kindes noch ist der Stamm des uralten Baumes tief unter dem Trümmerhaufen in der gnadenlosen Mittagshitze nicht gänzlich tot das Lachen der Kinder in seinem Geäst immer noch schöne Erinnerung und auch die Tränen des Baumes sind beinahe unsichtbar winzig glänzende Tropfen aus Harz versickernd zwischen dem Schutt und den Steinen kleiner scharfkantiger Stücke flimmernder Luft im brummenden Motorenlärm hochsommerlicher Hitze.
(P.S. Um herauszufinden, ob es sich bei einem «verhaltensauffälligen» Kind tatsächlich um ein so genanntes ADHS-Kind handelt – also um ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung, auch Hyperkinetische Störung genannt –, wird von Ostschweizer Kinderärzten ein Fragebogen verwendet, bei dem von den Eltern anzukreuzen ist, ob unter anderem folgende Aussagen über das jeweilige Kind zutreffend sind oder nicht: «Mein Kind ist zappelig und kann nicht stillsitzen», «Es rennt viel herum und klettert überall hinauf», «Es bewegt sich übermässig viel», «Es macht oft körperlich gefährliche Aktivitäten, ohne mögliche Folgen zu bedenken», «Es handelt häufig, bevor es überlegt», «Es kennt manchmal keine Grenzen».)
(P.S. Um herauszufinden, ob es sich bei einem «verhaltensauffälligen» Kind tatsächlich um ein so genanntes ADHS-Kind handelt – also um ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung, auch Hyperkinetische Störung genannt –, wird von Ostschweizer Kinderärzten ein Fragebogen verwendet, bei dem von den Eltern anzukreuzen ist, ob unter anderem folgende Aussagen über das jeweilige Kind zutreffend sind oder nicht: «Mein Kind ist zappelig und kann nicht stillsitzen», «Es rennt viel herum und klettert überall hinauf», «Es bewegt sich übermässig viel», «Es macht oft körperlich gefährliche Aktivitäten, ohne mögliche Folgen zu bedenken», «Es handelt häufig, bevor es überlegt», «Es kennt manchmal keine Grenzen».)
Samstag, 14. Juni 2014
Lernen ohne Freude ist keinen Heller wert
Gemäss einer bisher unveröffentlichten Studie aus der Stadt Zürich, über deren Ergebnisse im heutigen «Tages-Anzeiger» berichtet wird, ist mindestens jede zehnte Lehrkraft stark Burn-out-gefährdet, Lehrkräfte fühlen sich in ihrem Berufsalltag sogar stärker belastet als Polizisten. Gleichzeitig nimmt die Anzahl gestresster und therapiebedürftiger Schulkinder laufend zu, nicht nur im Kanton Zürich, sondern schweizweit. Dies ist wohl kein Zufall, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass an unserer Schule grundsätzlich etwas nicht stimmt. Auf der einen Seite die Lehrkräfte, die gezwungen sind, Kindern und Jugendlichen von früh bis spät eine wachsende Unmenge an kompliziertem, theoretischem und grösstenteils überflüssigem Schulwissen beizubringen. Auf der anderen Seite die Kinder und Jugendlichen, die so viel anderes so viel lieber täten und sich daher mit allen möglichen und unmöglichen Formen von «Lernverweigerung» und «Disziplinstörungen» gegen die Bemühungen ihrer Lehrkräfte zu wehren versuchen. Und so sind sie absurderweise dazu verdammt, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen...
Therapieren muss man nicht die Kinder. Therapieren muss man auch nicht die Lehrkräfte. Therapieren müsste man die Schule als Ganzes. Indem man sie zu einem Ort der Lern- und Lebensfreude werden lässt, wo Lernen wieder so viel Spass macht und zugleich so erfolgreich ist, wie wir das alle aus dem frühkindlichen Lernen der ersten Lebensjahre kennen. Denn, wie schon Johann Heinrich Pestalozzi sagte: «Lernen ohne Freude ist keinen Heller wert.»
Therapieren muss man nicht die Kinder. Therapieren muss man auch nicht die Lehrkräfte. Therapieren müsste man die Schule als Ganzes. Indem man sie zu einem Ort der Lern- und Lebensfreude werden lässt, wo Lernen wieder so viel Spass macht und zugleich so erfolgreich ist, wie wir das alle aus dem frühkindlichen Lernen der ersten Lebensjahre kennen. Denn, wie schon Johann Heinrich Pestalozzi sagte: «Lernen ohne Freude ist keinen Heller wert.»
Mittwoch, 26. März 2014
So lustvoll und erfolgreich lernen wie in den ersten Lebensjahren...
Das eindrückliche Porträt der privaten Alternativschule «Villa Monte» in Galgenen SZ im heutigen Tages-Anzeiger führt uns vor Augen, wie schön und zugleich erfolgreich Schule sein könnte, wenn sie sich ausschliesslich an den echten, natürlichen Lernbedürfnissen der Kinder orientiert. In der «Villa Monte» lernen die Kinder nur das, worauf sie gerade Lust haben, ohne Prüfungen, Noten und Hausaufgaben. Zwar gibt es auch Erwachsene, die an dieser Schule arbeiten, das Meiste aber lernen die Kinder voneinander. Gemäss der Philosophie der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori sind Alltag, Räume und Umgebung der Schule so gestaltet, dass die Kinder und Jugendlichen in Freiheit nach ihrem eigenen inneren Entwicklungsplan wachsen und lernen können. «Die Tüchtigkeit und der Erfolg der Schulabgängerinnen und Schulabgänger in ihrem späteren Berufsleben», liest man im Evaluationsbericht des kantonalen Bildungsdepartements, «bestätigen die aussergewöhnliche Lernart in der Villa Monte.»
Das Beispiel der «Villa Monte» zeigt, dass sämtliche aktuelle Diskussionen rund um den Lehrplan 21 im Grunde völlig überflüssig sind und reine Zeitverschwendung. Lehrpläne hin oder her – Kinder können immer nur dann erfolgreich etwas Neues lernen, wenn die innere „Uhr“ ihrer geistigen Entwicklung dafür reif ist. Da diese innere Uhr aber bei jedem Kind auf eine je andere Art und Weise und in einem je anderen Tempo tickt, führen allgemeinverbindliche Lehrpläne bloss dazu, dass diese inneren Uhren laufend gestört und erfolgreiches Lernen dadurch systematisch verhindert wird. Das Einzige, was wir brauchen, sind Lernstätten, in denen die Kinder und Jugendlichen wieder so frei und selbstbestimmt lernen können, wie sie das alle mit grösstem Erfolg in ihren ersten Lebensjahren bereits getan haben. Alles Weitere ergibt sich von selber.
Das Beispiel der «Villa Monte» zeigt, dass sämtliche aktuelle Diskussionen rund um den Lehrplan 21 im Grunde völlig überflüssig sind und reine Zeitverschwendung. Lehrpläne hin oder her – Kinder können immer nur dann erfolgreich etwas Neues lernen, wenn die innere „Uhr“ ihrer geistigen Entwicklung dafür reif ist. Da diese innere Uhr aber bei jedem Kind auf eine je andere Art und Weise und in einem je anderen Tempo tickt, führen allgemeinverbindliche Lehrpläne bloss dazu, dass diese inneren Uhren laufend gestört und erfolgreiches Lernen dadurch systematisch verhindert wird. Das Einzige, was wir brauchen, sind Lernstätten, in denen die Kinder und Jugendlichen wieder so frei und selbstbestimmt lernen können, wie sie das alle mit grösstem Erfolg in ihren ersten Lebensjahren bereits getan haben. Alles Weitere ergibt sich von selber.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Eine Selektionsschule kann nicht zugleich eine Lernschule sein
Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass eine Selektionsschule zugleich eine Lernschule ist. Die schulische Selektion ist der Todfeind jenes Lernens, das in den ersten Lebensjahren bei allen Kindern so hoffnungslos und so erfolgreich begonnen hatte. Und es gibt kein «anderes» Lernen als dieses. Das stürzt nicht nur die Kinder in der Schule in ein unausweichliches Dilemma, sondern auch die Lehrkräfte. Ihre – pädagogische – Aufgabe würde ja eigentlich darin bestehen, den Kindern möglichst viel Wissen und möglichst viele Fertigkeiten beizubringen und ihnen alles so gut zu erklären und alles so lange und gründlich zu üben, bis alle Kinder alles könnten. Die Folge wäre, dass alle Kinder, wenn man denn ihre Lernleistungen überhaupt noch mit Noten messen müsste, schliesslich die Bestnote erhalten würden. Der Lehrer weiss aber von Anfang an, dass ihm dies gar nicht erlaubt wäre. Der Selektionsauftrag zwingt ihn dazu, zu viel Stoff zu vermitteln, zu wenig gründlich zu erklären und zu wenig Zeit zu geben, denn nur so kann er seine Klasse in «gute» und «schlechte» Schülerinnen und Schüler unterteilen. So absurd ist dieses System, dass ein Lehrer, wenn eine Prüfung zu «gut» ausfällt, in aller Regel gezwungen ist, im Nachhinein den Notendurchschnitt künstlich zu senken, indem er den Bewertungsmassstab so weit nach unten drückt, bis der Notendurschnitt mit ungefähr 4,5 dort liegt, wo er «normalerweise» liegen sollte. Mit anderen Worten: Er muss seine Schülerinnen und Schüler nachträglich dafür bestrafen, dass sie zu viel, zu gut und zu gründlich gelernt haben bzw. er sie bei ihrem Lernen zu gut und zu erfolgreich unterstützt hat.
Das Dilemma, in dem sich die Lehrkräfte befinden, geht aber noch viel weiter. Ständig sind sie gezwungen, die Kinder zu belügen und ihnen etwas vorzugaukeln, was sie – als deren «Vorbilder»! – gleichzeitig selber vor deren Augen täglich mit Füssen treten. Sie bemühen sich den Kindern weiszumachen, alle könnten alles lernen, wenn sie sich nur genug anstrengten, dabei wissen sie ganz genau, dass sie ihren Unterricht so gestalten müssen, dass es gar nicht möglich ist, dass alle alles lernen können. Was wiederum zur Folge hat, dass jene Kinder, die das Ziel ihres Lernens nicht erreichen, daraus den Schluss ziehen, sie seien selber daran schuld – der Lehrer hat ihnen ja nie erklärt, dass der Grund ganz ein anderer ist. Die zweite grosse Lüge der Lehrer ist die, dass sie bei jeder Gelegenheit an das «soziale Verhalten» der Kinder appellieren, die Wichtigkeit der «Sozialkompetenz» betonen und die Kinder dazu anspornen, kameradschaftlich zu sein und einander zu helfen – während sie sie gleichzeitig einem gnadenlosen gegenseitigen Konkurrenzkampf um Noten und Zukunftschancen aussetzen, bei dem es letztlich um nichts anderes geht als darum, unbedingt als «Sieger» und auf keinen Fall als «Verlierer» hervorzugehen. Besonders drastisch zeigt sich das immer dann, wenn der gleiche Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler soeben zu Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Anteilnahme ermahnt hat, ohne mit der Wimper zu zucken dem erstbesten Schüler, den er dabei erwischt, wie er während einer Prüfung einem anderen einen Notizzettel zuschiebt, eine Strafstunde aufbrummt oder sein Prüfungsergebnis für ungültig erklärt.
Die staatliche Volksschule war seit ihren ersten Anfängen bis heute nie etwas anderes als eine Selektionsschule. Daran haben auch die zahlreichen kleineren und grösseren «Reformen», welche im Laufe der Zeit der Schule nach und nach ein neues, «moderneres» Gesicht zu verleihen versucht haben, nicht grundlegend etwas verändert, der innerste Kern ist immer noch genau der gleiche. Wenn die Schule als Selektionsschule zu Ende gehen soll, um einer echten Lernstätte Platz zu machen, dann bedeutet dies daher weit mehr als eine weitere Reform im Zuge vieler anderer. Wenn die Selektionsschule zu Ende geht, dann geht auch fast alles andere, was Schule heute noch ausmacht, zu Ende. Wie ein Kartenhaus, das in sich zusammenfällt, weil es an der Zeit ist, nicht nur die alt gewordenen Karten, sondern auch das Fundament, auf dem sie aufgebaut wurden, auszuwechseln und das Ganze von Grund auf neu aufzubauen…
(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)
Das Dilemma, in dem sich die Lehrkräfte befinden, geht aber noch viel weiter. Ständig sind sie gezwungen, die Kinder zu belügen und ihnen etwas vorzugaukeln, was sie – als deren «Vorbilder»! – gleichzeitig selber vor deren Augen täglich mit Füssen treten. Sie bemühen sich den Kindern weiszumachen, alle könnten alles lernen, wenn sie sich nur genug anstrengten, dabei wissen sie ganz genau, dass sie ihren Unterricht so gestalten müssen, dass es gar nicht möglich ist, dass alle alles lernen können. Was wiederum zur Folge hat, dass jene Kinder, die das Ziel ihres Lernens nicht erreichen, daraus den Schluss ziehen, sie seien selber daran schuld – der Lehrer hat ihnen ja nie erklärt, dass der Grund ganz ein anderer ist. Die zweite grosse Lüge der Lehrer ist die, dass sie bei jeder Gelegenheit an das «soziale Verhalten» der Kinder appellieren, die Wichtigkeit der «Sozialkompetenz» betonen und die Kinder dazu anspornen, kameradschaftlich zu sein und einander zu helfen – während sie sie gleichzeitig einem gnadenlosen gegenseitigen Konkurrenzkampf um Noten und Zukunftschancen aussetzen, bei dem es letztlich um nichts anderes geht als darum, unbedingt als «Sieger» und auf keinen Fall als «Verlierer» hervorzugehen. Besonders drastisch zeigt sich das immer dann, wenn der gleiche Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler soeben zu Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Anteilnahme ermahnt hat, ohne mit der Wimper zu zucken dem erstbesten Schüler, den er dabei erwischt, wie er während einer Prüfung einem anderen einen Notizzettel zuschiebt, eine Strafstunde aufbrummt oder sein Prüfungsergebnis für ungültig erklärt.
Die staatliche Volksschule war seit ihren ersten Anfängen bis heute nie etwas anderes als eine Selektionsschule. Daran haben auch die zahlreichen kleineren und grösseren «Reformen», welche im Laufe der Zeit der Schule nach und nach ein neues, «moderneres» Gesicht zu verleihen versucht haben, nicht grundlegend etwas verändert, der innerste Kern ist immer noch genau der gleiche. Wenn die Schule als Selektionsschule zu Ende gehen soll, um einer echten Lernstätte Platz zu machen, dann bedeutet dies daher weit mehr als eine weitere Reform im Zuge vieler anderer. Wenn die Selektionsschule zu Ende geht, dann geht auch fast alles andere, was Schule heute noch ausmacht, zu Ende. Wie ein Kartenhaus, das in sich zusammenfällt, weil es an der Zeit ist, nicht nur die alt gewordenen Karten, sondern auch das Fundament, auf dem sie aufgebaut wurden, auszuwechseln und das Ganze von Grund auf neu aufzubauen…
(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)
Donnerstag, 9. Januar 2014
Eine Welt ohne Glühbirnen, ohne die Zauberflöte und ohne jegliches Wissen um die Grenzen von Raum und Zeit
Sie sei, so ist über die 2008 verstorbene Pina Bausch zu erfahren, in ihrer Kindheit «ein Zappelphilipp und voller Phantasie» gewesen. Die in einem Gasthaus Aufgewachsene sei jeweils, statt ins Bett zu gehen, unter einen der Wirtshaustische gekrochen und habe unbemerkt den Gesprächen der Erwachsenen gelauscht oder sei in den Garten hinausgeschlichen, um in einem verfallenen Treibhaus Theater zu spielen. Schliesslich hätten Hotelgäste den Eltern geraten, die Tochter doch ins Kinderballett zu schicken. Und so begann die Karriere jener Frau, die heute zu den bisher weltweit bedeutendsten Tänzerinnen und Choreografinnen zählt.
Heute würde man einem solchen Mädchen, statt es in eine Ballettschule zu schicken, höchstwahrscheinlich viel eher eine tägliche Dosis Ritalin verabreichen, das ist billiger, wirkt schneller und ist erst noch viel weniger aufwendig…
Pina Bausch, Leonardo da Vinci, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig Van Beethoven, Thomas Edison, Albert Einstein, Dustin Hoffmann, Jennifer Lopez, Christoph Kolumbus, Edgar Allan Poe, Bill Gates, Michael Jackson, Michael Phelps, Carl Lewis, Astrid Lindgren, Benjamin Franklin, Jack Nicolson, Winston Churchill, George Bernard Shaw, Salvador Dali und Abraham Lincoln – sie alle, wenn man ihre Biografien näher betrachtet, waren mit allergrösster Wahrscheinlichkeit in ihrer Kindheit das, was man heute als «ADHS-Kinder» bezeichnet – jene Kinder also, die unter der traditionellen Lehrplan- und Selektionsschule wohl noch unvergleichlich viel mehr leiden als alle anderen Kinder. Denn einen grösseren Gegensatz als den zwischen einer auf Gehorsam, Unterwürfigkeit, Konformität und Gleichschaltung ausgerichteten Schule und diesen «wild» und voller Witz und Phantasie geborenen Kinder kann man sich nun wirklich nicht mehr vorstellen. Sie, die «ADHS-Kinder», machen nicht nur Fehler, sie sind sozusagen mit allem, was sie tun, der Fehler in Person, indem sie nämlich gleich alles falsch machen, was man nur falsch machen kann: Sie reden, wenn sie zuhören sollten, sie stellen Fragen, wenn sie antworten sollten, sie rennen umher, wenn sie ruhig sein sollten, und wenn sie schlafen sollten, sind sie wach.
Dabei wäre es gar nicht so schwierig, dies alles für einmal auch aus einer ganz anderen, entgegengesetzten Perspektive aus zu betrachten. So wie der Deutsche Bundesverband Arbeitskreis «Überaktives Kind» in einer im Jahre 2002 in Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin durchgeführten Studie, in der bewusst davon ausgegangen wurde, sich im Zusammenhang mit «ADHS» nicht primär auf die Defizite zu konzentrieren, sondern explizit auch Stärken und besondere Fähigkeiten der betroffenen Kinder zu erfassen. In die entsprechenden Befragungen einbezogen wurden sowohl Eltern von «ADHS-Kindern» wie auch Lehrkräfte, Kinder- und Jugendärzte. Helga Simchen, Kinderärztin und Psychotherapeutin, fasste die Ergebnisse dieser Studie wie folgt zusammen: «ADHS-Kinder denken assoziativ und vielschichtig, sie können mithilfe ihrer Fantasie ganz neue Wahrnehmungen erzeugen. Sie sind in der Lage, alles zu durchschauen und direkt zu hinterfragen; sie sind hellwach, wenn etwas sie interessiert. Ihnen kann man nichts vormachen, ihnen entgeht nichts. Sie hören und sehen mehr, als für andere wahrnehmbar ist. Ist ihr Interesse einmal geweckt, ist ihre Wissbegierde riesengross. Sie können sich dann sehr gut konzentrieren und Hervorragendes leisten. Sie besitzen einen Scharfblick mit starker Intuition, wie ihn sonst keiner hat. Sie können auch Gedachtes als real erleben, dank ihrer guten Fantasie. Sie denken vorwiegend visuell, das heisst, sie stellen sich alles in Bildern vor, da sie sich diese besser einprägen können. Ausgerüstet mit einem guten Selbstbewusstsein können Menschen mit ADHS gerade aufgrund ihrer aussergewöhnlichen Fähigkeiten in ihrem Leben Grosses vollbringen.»
Sollen Schulen dereinst durch Lernzentren ersetzt werden, so müsste dies nur schon alleine diesen Kindern zuliebe geschehen. Denn es reicht bei weitem nicht aus, solchen «schwierigen», «auffälligen» oder «andersartigen» Kindern bloss ein wenig mehr Raum, ein wenig mehr Zuwendung und ein wenig mehr Liebe zu geben. Es reicht erst recht auch nicht aus, «störende» oder «lästige» Verhaltensweisen auf irgendeine auch noch so «sanfte» und «humane» Weise «wegzutherapieren». Nein, es geht um etwas grundsätzlich anderes. Nämlich darum, die bisherige Sichtweise buchstäblich auf den Kopf zu stellen: auszugehen davon, dass die «Wahrheit» nie in irgendeiner von Menschen geschaffenen Institution liegen kann, und sei sie noch so ausgeklügelt und «perfekt», sondern immer nur bei jedem einzelnen Kind, das hier und heute neu geboren wird und in diesem Augenblick uns allen, die schon hier sind, die Chance bietet, alles Bisherige neu und anders zu sehen. Oder könnten wir uns allen Ernstes eine Welt erwünschen, in der sich alle Menschen immer ähnlicher werden, kein Kind mehr nachts unter den Tisch der Erwachsenen kriecht, um heimlich ihren Gesprächen zu lauschen, niemand mehr sich nächtelang den Kopf zerbricht um irgendetwas gerade noch so Unvorstellbares zu erfinden wie Glühbirnen oder neue Gesetze für die Unendlichkeiten von Raum und Zeit, nie mehr so wundervolle Kunstwerke geschaffen werden wie die Mona Lisa oder die Zauberflöte und kein Mensch mehr auf so verrückte Ideen kommt wie auf geografischen Karten Länder und Kontinente einzuzeichnen, die es in der Wirklichkeit noch gar nicht gibt?
(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)
Heute würde man einem solchen Mädchen, statt es in eine Ballettschule zu schicken, höchstwahrscheinlich viel eher eine tägliche Dosis Ritalin verabreichen, das ist billiger, wirkt schneller und ist erst noch viel weniger aufwendig…
Pina Bausch, Leonardo da Vinci, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig Van Beethoven, Thomas Edison, Albert Einstein, Dustin Hoffmann, Jennifer Lopez, Christoph Kolumbus, Edgar Allan Poe, Bill Gates, Michael Jackson, Michael Phelps, Carl Lewis, Astrid Lindgren, Benjamin Franklin, Jack Nicolson, Winston Churchill, George Bernard Shaw, Salvador Dali und Abraham Lincoln – sie alle, wenn man ihre Biografien näher betrachtet, waren mit allergrösster Wahrscheinlichkeit in ihrer Kindheit das, was man heute als «ADHS-Kinder» bezeichnet – jene Kinder also, die unter der traditionellen Lehrplan- und Selektionsschule wohl noch unvergleichlich viel mehr leiden als alle anderen Kinder. Denn einen grösseren Gegensatz als den zwischen einer auf Gehorsam, Unterwürfigkeit, Konformität und Gleichschaltung ausgerichteten Schule und diesen «wild» und voller Witz und Phantasie geborenen Kinder kann man sich nun wirklich nicht mehr vorstellen. Sie, die «ADHS-Kinder», machen nicht nur Fehler, sie sind sozusagen mit allem, was sie tun, der Fehler in Person, indem sie nämlich gleich alles falsch machen, was man nur falsch machen kann: Sie reden, wenn sie zuhören sollten, sie stellen Fragen, wenn sie antworten sollten, sie rennen umher, wenn sie ruhig sein sollten, und wenn sie schlafen sollten, sind sie wach.
Dabei wäre es gar nicht so schwierig, dies alles für einmal auch aus einer ganz anderen, entgegengesetzten Perspektive aus zu betrachten. So wie der Deutsche Bundesverband Arbeitskreis «Überaktives Kind» in einer im Jahre 2002 in Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin durchgeführten Studie, in der bewusst davon ausgegangen wurde, sich im Zusammenhang mit «ADHS» nicht primär auf die Defizite zu konzentrieren, sondern explizit auch Stärken und besondere Fähigkeiten der betroffenen Kinder zu erfassen. In die entsprechenden Befragungen einbezogen wurden sowohl Eltern von «ADHS-Kindern» wie auch Lehrkräfte, Kinder- und Jugendärzte. Helga Simchen, Kinderärztin und Psychotherapeutin, fasste die Ergebnisse dieser Studie wie folgt zusammen: «ADHS-Kinder denken assoziativ und vielschichtig, sie können mithilfe ihrer Fantasie ganz neue Wahrnehmungen erzeugen. Sie sind in der Lage, alles zu durchschauen und direkt zu hinterfragen; sie sind hellwach, wenn etwas sie interessiert. Ihnen kann man nichts vormachen, ihnen entgeht nichts. Sie hören und sehen mehr, als für andere wahrnehmbar ist. Ist ihr Interesse einmal geweckt, ist ihre Wissbegierde riesengross. Sie können sich dann sehr gut konzentrieren und Hervorragendes leisten. Sie besitzen einen Scharfblick mit starker Intuition, wie ihn sonst keiner hat. Sie können auch Gedachtes als real erleben, dank ihrer guten Fantasie. Sie denken vorwiegend visuell, das heisst, sie stellen sich alles in Bildern vor, da sie sich diese besser einprägen können. Ausgerüstet mit einem guten Selbstbewusstsein können Menschen mit ADHS gerade aufgrund ihrer aussergewöhnlichen Fähigkeiten in ihrem Leben Grosses vollbringen.»
Sollen Schulen dereinst durch Lernzentren ersetzt werden, so müsste dies nur schon alleine diesen Kindern zuliebe geschehen. Denn es reicht bei weitem nicht aus, solchen «schwierigen», «auffälligen» oder «andersartigen» Kindern bloss ein wenig mehr Raum, ein wenig mehr Zuwendung und ein wenig mehr Liebe zu geben. Es reicht erst recht auch nicht aus, «störende» oder «lästige» Verhaltensweisen auf irgendeine auch noch so «sanfte» und «humane» Weise «wegzutherapieren». Nein, es geht um etwas grundsätzlich anderes. Nämlich darum, die bisherige Sichtweise buchstäblich auf den Kopf zu stellen: auszugehen davon, dass die «Wahrheit» nie in irgendeiner von Menschen geschaffenen Institution liegen kann, und sei sie noch so ausgeklügelt und «perfekt», sondern immer nur bei jedem einzelnen Kind, das hier und heute neu geboren wird und in diesem Augenblick uns allen, die schon hier sind, die Chance bietet, alles Bisherige neu und anders zu sehen. Oder könnten wir uns allen Ernstes eine Welt erwünschen, in der sich alle Menschen immer ähnlicher werden, kein Kind mehr nachts unter den Tisch der Erwachsenen kriecht, um heimlich ihren Gesprächen zu lauschen, niemand mehr sich nächtelang den Kopf zerbricht um irgendetwas gerade noch so Unvorstellbares zu erfinden wie Glühbirnen oder neue Gesetze für die Unendlichkeiten von Raum und Zeit, nie mehr so wundervolle Kunstwerke geschaffen werden wie die Mona Lisa oder die Zauberflöte und kein Mensch mehr auf so verrückte Ideen kommt wie auf geografischen Karten Länder und Kontinente einzuzeichnen, die es in der Wirklichkeit noch gar nicht gibt?
(Auszug aus meinem Buch LERNZENTREN STATT SCHULEN - EIN PÄDAGOGISCHES MODELL FÜR DIE ZUKUNFT, das voraussichtlich im Frühsommer 2014 erscheinen wird.)
Montag, 9. Dezember 2013
Pisa 2013, 2016, 2019 ... 2040 ... und dann?
Wieder einmal ist es soweit, wie alle drei Jahre: Hier die Jubelschreie der «Aufsteiger», dort der Schock und das Entsetzen bei all denen, die es wieder einmal nicht geschafft haben oder sogar noch weiter in den Keller gerutscht sind. Dieses Erdbeben, das durch die gesamte globale Bildungspolitik donnert jedes Mal dann, wenn die aktuellen Ergebnisse der länderübergreifenden Pisa-Studie veröffentlicht werden, mit denen angeblich «objektiv» festgestellt wird, wie «effizient» die Schulsysteme der – insgesamt 74 – miteinander verglichenen Länder sind. Obwohl es doch, bei Lichte besehen, ganz logisch ist, dass bei jeder Art von Prüfung, in der A mit B und C verglichen werden – selbst wenn die Prüflinge nahezu identisch wären und sogar wenn sie exakt den gleichen IQ hätten –, dennoch stets gewisse noch knapp messbare Unterschiede festzustellen sind und sich demzufolge auch unterschiedliche Rangplätze errechnen lassen – ebenso wie bei einem Skirennen, bei dem zwischen den einzelnen gemessenen Zeiten bloss Hundertstel- oder gar Tausendstelsekunden liegen und man dennoch ganz selbstverständlich von «Siegern» und «Verlierern» spricht. Doch das Vergleichen und Messen von allem Möglichen und Unmöglichen ist in unseren Köpfen offensichtlich schon so sehr zum allgemeingültigen Massstab von «Qualität» und Bewertung geworden, dass wir uns schon gar nicht mehr darüber Gedanken machen, was womit und weshalb und wozu da überhaupt verglichen wird.
Das Absurde liegt ja nicht nur darin, dass es bei alledem längst nicht mehr darum geht, was an Nützlichem und Sinnvollem, für das Leben Brauchbarem in den Schulen überhaupt gelernt wird, sondern bloss darum, um wie viel schneller oder langsamer die einen das tun im Vergleich zu den anderen, so absurd und sinnlos das, was sie tun, auch sein mag. Das weitaus noch viel Absurdere – und eigentlich Fatale – liegt in den Auswirkungen, die das Ganze hat. Denn diese sind, im Gegensatz zur Absurdität des Wettlaufs an sich, durchaus sehr konkret und real. Als zum Beispiel bei der Pisastudie 2010 die Schaffhauser Schülerinnen und Schüler in Mathematik deutlich besser abschnitten als ihre Zürcher Altersgenossinnen und Altersgenossen, ging im Kanton Zürich sogleich eine hitzige Diskussion los, was für Massnahmen nun wohl ergriffen werden müssten, um drei Jahre später, bei der nächsten Pisastudie, ein ähnliches Debakel zu vermeiden. Die nächst liegende Idee: Der Mathematikunterricht müsse im Kanton Zürich mehr Wochenlektionen bekommen als bisher. Abzwacken könnte man diese Lektionen ja zum Beispiel bei Musik, Zeichnen, Handarbeit oder Sport, da diese Fachbereiche in der Pisastudie ohnehin nicht gemessen würden. Noch absurder wird es beim Vergleichen der Länderergebnisse untereinander. Wenn Länder wie China, Japan und Südkorea in sämtlichen gemessenen Lernbereichen an der Spitze liegen, müssten logischerweise alle übrigen Länder der Welt, wollen sie ihre Schulsysteme verbessern – und wer wollte das schon nicht! –, möglichst grosse Anstrengungen unternehmen, um sich diesen Spitzenplätzen zu nähern oder aber sie sogar den Spitzenreitern wegzuschnappen. Dies würde bedeuten, dass man die Kinder und Jugendlichen auch in all jenen Ländern, wo dies heute noch nicht der Fall ist, einem ähnlichen Drill und einer ähnlichen Tag-und-Nacht-Non-Stop-Beschulung möglichst schon ab der Geburt unterwerfen müsste, wie dies in den Ländern mit den besten Pisa-Ergebnissen an der Tagesordnung ist. Aber selbst das würde ja grundsätzlich nichts ändern. Denn die Chinesen, Japaner und Südkoreaner würden in dieser Zeit nicht schlafen und sich ganz bestimmt etwas noch Raffinierteres einfallen lassen, um ihre Spitzenposition um jeden Preis zu verteidigen. Und selbst wenn sämtliche Kinder und Jugendlichen in allen Ländern der Welt 24 Stunden pro Tag zur Schule gingen und gar nichts anderes mehr lernen würden als das, was in den Pisa-Prüfungen getestet wird, würde dennoch eine zum Beispiel im Jahre 2040 durchgeführte Pisastudie erneut zu einer Rangliste von Platz 1 bis Platz 74 führen. Und dann?
Das Absurde liegt ja nicht nur darin, dass es bei alledem längst nicht mehr darum geht, was an Nützlichem und Sinnvollem, für das Leben Brauchbarem in den Schulen überhaupt gelernt wird, sondern bloss darum, um wie viel schneller oder langsamer die einen das tun im Vergleich zu den anderen, so absurd und sinnlos das, was sie tun, auch sein mag. Das weitaus noch viel Absurdere – und eigentlich Fatale – liegt in den Auswirkungen, die das Ganze hat. Denn diese sind, im Gegensatz zur Absurdität des Wettlaufs an sich, durchaus sehr konkret und real. Als zum Beispiel bei der Pisastudie 2010 die Schaffhauser Schülerinnen und Schüler in Mathematik deutlich besser abschnitten als ihre Zürcher Altersgenossinnen und Altersgenossen, ging im Kanton Zürich sogleich eine hitzige Diskussion los, was für Massnahmen nun wohl ergriffen werden müssten, um drei Jahre später, bei der nächsten Pisastudie, ein ähnliches Debakel zu vermeiden. Die nächst liegende Idee: Der Mathematikunterricht müsse im Kanton Zürich mehr Wochenlektionen bekommen als bisher. Abzwacken könnte man diese Lektionen ja zum Beispiel bei Musik, Zeichnen, Handarbeit oder Sport, da diese Fachbereiche in der Pisastudie ohnehin nicht gemessen würden. Noch absurder wird es beim Vergleichen der Länderergebnisse untereinander. Wenn Länder wie China, Japan und Südkorea in sämtlichen gemessenen Lernbereichen an der Spitze liegen, müssten logischerweise alle übrigen Länder der Welt, wollen sie ihre Schulsysteme verbessern – und wer wollte das schon nicht! –, möglichst grosse Anstrengungen unternehmen, um sich diesen Spitzenplätzen zu nähern oder aber sie sogar den Spitzenreitern wegzuschnappen. Dies würde bedeuten, dass man die Kinder und Jugendlichen auch in all jenen Ländern, wo dies heute noch nicht der Fall ist, einem ähnlichen Drill und einer ähnlichen Tag-und-Nacht-Non-Stop-Beschulung möglichst schon ab der Geburt unterwerfen müsste, wie dies in den Ländern mit den besten Pisa-Ergebnissen an der Tagesordnung ist. Aber selbst das würde ja grundsätzlich nichts ändern. Denn die Chinesen, Japaner und Südkoreaner würden in dieser Zeit nicht schlafen und sich ganz bestimmt etwas noch Raffinierteres einfallen lassen, um ihre Spitzenposition um jeden Preis zu verteidigen. Und selbst wenn sämtliche Kinder und Jugendlichen in allen Ländern der Welt 24 Stunden pro Tag zur Schule gingen und gar nichts anderes mehr lernen würden als das, was in den Pisa-Prüfungen getestet wird, würde dennoch eine zum Beispiel im Jahre 2040 durchgeführte Pisastudie erneut zu einer Rangliste von Platz 1 bis Platz 74 führen. Und dann?
Donnerstag, 12. September 2013
Bitte ankreuzen
Lesen Sie bitte den unteren Teil dieses Textes erst am Schluss, da sonst der Überraschungseffekt verloren geht. Kreuzen Sie einfach jene Verhaltensweisen Ihres Kindes an, die «stark» oder «ziemlich» zutreffend sind: «Mein Kind ist zappelig und kann nicht stillsitzen. Es rennt viel herum und klettert überall hinauf. Es bewegt sich übermässig viel. Es lässt sich leicht ablenken. Es macht oft körperlich gefährliche Aktivitäten, ohne mögliche Folgen zu bedenken. Es handelt häufig, bevor es überlegt. Es reagiert schlecht auf Aufforderungen. Es will gerne im Mittelpunkt sein. Es streitet oft mit den Eltern. Es tut oft absichtlich Dinge, um andere zu ärgern. Es will nicht gehorchen. Es ist in seiner Stimmung unausgeglichen. Es bekommt Wutanfälle, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht. Es platzt oft mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist. Es schiebt oft eigene Fehler anderen zu. Es kennt manchmal keine Grenzen. Es bringt angefangene Tätigkeiten nicht zu Ende.»
Erste Zusatzbemerkung: Falls Sie mehr als fünf Verhaltensweisen angekreuzt haben, sollten Sie sich unverzüglich bei Ihrem Kinderarzt melden, es besteht nämlich grosse Gefahr, dass es sich bei Ihrem Kind um ein «hyperaktives», so genanntes «ADHS-Kind» handelt. Zweite Zusatzbemerkung: Die oben aufgelisteten Verhaltensweisen entstammen einem von Schweizer Ärzten verwendeten Fragebogen, der insgesamt 81 Beobachtungskriterien enthält und der Ermittlung von «ADHS-Kindern» dient. Dritte Zusatzbemerkung: Es gibt trotz intensiver Forschungen bis heute keine wissenschaftliche Erklärung dafür, was «ADHS» überhaupt ist. Vierte Zusatzbemerkung: Zahlen des schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic zeigen, das sich die in der Schweiz ausgelieferte Menge des gegen ADHS verschriebenen Ritalin-Wirkstoffes Methylphenidat zwischen 1999 und 2011 fast verzehnfacht hat. Fünfte Zusatzbemerkung: Ist Ihnen aufgefallen, wie viele der erwähnten Verhaltensweisen mit Gehorsam, Anpassung und Disziplin zu tun haben? Sechste Zusatzbemerkung: Wäre es, anstelle aufwendiger Einzelabklärungen, nicht viel zweckmässiger, gleich sämtlichen Kindern und Jugendlichen Ritalin zu verschreiben, könnten damit doch alle diese unerwünschten Verhaltensweisen gleich von Anfang an ausgetilgt werden und würde dies erst noch zu einer willkommenen Ankurbelung der Wirtschaft und Steigerung des Bruttosozialprodukts führen. Die siebte und letzte Zusatzbemerkung ist ein Zitat des leider viel zu stark in Vergessenheit geratenen Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, der, wenn man zu seiner Zeit schon von «hyperaktiven» oder «ADHS-Kindern» gesprochen hätte, dazu Folgendes sagte: «Nur die Tätigkeit ist für die Kinder bildend und es gibt zu ihrer Entwicklung ganz und gar nichts anderes als Tätigkeit. Daher ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Unruhe, ihr Treiben die weiseste und wohltätigste Einrichtung der Natur und das einzig mögliche Mittel, Kraft und Fertigkeit, Erkenntnis und Bildung in ihnen hervorzubringen.»
Erste Zusatzbemerkung: Falls Sie mehr als fünf Verhaltensweisen angekreuzt haben, sollten Sie sich unverzüglich bei Ihrem Kinderarzt melden, es besteht nämlich grosse Gefahr, dass es sich bei Ihrem Kind um ein «hyperaktives», so genanntes «ADHS-Kind» handelt. Zweite Zusatzbemerkung: Die oben aufgelisteten Verhaltensweisen entstammen einem von Schweizer Ärzten verwendeten Fragebogen, der insgesamt 81 Beobachtungskriterien enthält und der Ermittlung von «ADHS-Kindern» dient. Dritte Zusatzbemerkung: Es gibt trotz intensiver Forschungen bis heute keine wissenschaftliche Erklärung dafür, was «ADHS» überhaupt ist. Vierte Zusatzbemerkung: Zahlen des schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic zeigen, das sich die in der Schweiz ausgelieferte Menge des gegen ADHS verschriebenen Ritalin-Wirkstoffes Methylphenidat zwischen 1999 und 2011 fast verzehnfacht hat. Fünfte Zusatzbemerkung: Ist Ihnen aufgefallen, wie viele der erwähnten Verhaltensweisen mit Gehorsam, Anpassung und Disziplin zu tun haben? Sechste Zusatzbemerkung: Wäre es, anstelle aufwendiger Einzelabklärungen, nicht viel zweckmässiger, gleich sämtlichen Kindern und Jugendlichen Ritalin zu verschreiben, könnten damit doch alle diese unerwünschten Verhaltensweisen gleich von Anfang an ausgetilgt werden und würde dies erst noch zu einer willkommenen Ankurbelung der Wirtschaft und Steigerung des Bruttosozialprodukts führen. Die siebte und letzte Zusatzbemerkung ist ein Zitat des leider viel zu stark in Vergessenheit geratenen Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, der, wenn man zu seiner Zeit schon von «hyperaktiven» oder «ADHS-Kindern» gesprochen hätte, dazu Folgendes sagte: «Nur die Tätigkeit ist für die Kinder bildend und es gibt zu ihrer Entwicklung ganz und gar nichts anderes als Tätigkeit. Daher ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Unruhe, ihr Treiben die weiseste und wohltätigste Einrichtung der Natur und das einzig mögliche Mittel, Kraft und Fertigkeit, Erkenntnis und Bildung in ihnen hervorzubringen.»
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