Dient der russische Konvoi aus 290 Lastwagen reinen Propagandazwecken oder als Deckmantel für eine militärische Intervention oder handelt es sich tatsächlich nur um eine ernst gemeinte Nothilfe für die notleidende Bevölkerung der ostukrainischen Städte Lugansk und Donezk? Wurde das malaysische Passagierflugzeug MH17 von russischen Separatisten oder von der ukrainischen Luftwaffe abgeschossen? Waren die Maidan-Demonstrationen in Kiew, mit denen alles anfing, von Anfang an von westlichen Geheimdiensten infiltriert oder handelte es sich um eine ausschliesslich innerukrainische Auseinandersetzung zwischen Regimebefürwortern und Regimegegnern?
Je nachdem, welcher der beiden Konfliktparteien, welchen Medien und welchen Politikern man mehr Glauben schenkt, werden die Antworten auf diese und viele weitere Fragen rund um die «Ukraine-Krise» höchst unterschiedlich, ja geradezu gegensätzlich ausfallen. Selbst wenn es noch so etwas wie Wahrheit gibt, ist diese im gegenseitigen Getöse von Behauptungen, Vorwürfen und Mutmassungen immer schwieriger auszumachen.
Das Einzige, was wir mit Bestimmtheit wissen, ist, dass weit über tausend Zivilpersonen in diesem Konflikt bereits ihr Leben verloren haben; dass in den beiden Städten Lugansk und Donezk Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern eingekesselt sind, seit bald zwei Wochen weder über Strom noch über Wasser verfügen und in ständiger Todesangst leben; dass unter den gegenseitig ausgesprochenen Sanktionen westlicher Regierungen und Russlands wiederum Millionen unschuldiger Menschen in den betroffenen Ländern zu leiden haben werden und dass sich dieser Konflikt im allerschlimmsten Falle zu einem weit über den jetzigen Krisenherd hinausgehenden Flächenbrand ausdehnen könnte.
Selbst der frühere US-amerikanische Sicherheitsberater und Aussenminister Henry Kissinger vertrat ganz zu Beginn dieses Konflikts die Meinung, die Ukraine täte gut daran, einen sowohl von der EU wie auch von Russland möglichst unabhängigen, eigenständigen Weg zu gehen, sich keinem der beiden Machtblöcke anzunähern, aber mit jedem wechselseitig gute Beziehungen zu pflegen, um auf diese Weise sogar zu einer Art Vorbild zu werden für ein zukünftiges, offenes, friedliches und blockfreies Europa. Leider sind solche Stimmen der Vernunft im Laufe der vergangenen Wochen immer seltener zu hören gewesen. Stattdessen ist die Spirale gegenseitiger Eskalation weiter und weiter in die Höhe getrieben worden und führt je länger je mehr zu einer Situation, in der es am Ende keine Sieger, sondern auf beiden Seiten nur Verlierer geben kann.
Es ist Zeit, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und in die Zukunft zu blicken. Egal, wer angefangen hat, egal, welches die «Guten» und welches die «Schlechten» sind, es gibt nur einen Weg, der sinnvoll ist: weg von Gewalt und Zerstörung hin zu Gewaltlosigkeit und Frieden. Seit Ende Juni kommt es in verschiedensten Regionen der Ukraine immer wieder zu Demonstrationen und Protestaktionen gegen den Krieg, an denen sich vor allem Frauen beteiligen. Im südukrainischen Melitopol protestierten aufgebrachte Frauen gegen die Einberufung ihrer Söhne zum Militär und kletterten auf Armeefahrzeuge. In Nikolajew blockierten Frauen und Mütter von Soldaten acht Stunden lang eine Brücke. Besonders stark ist die Protestwelle gegen den Krieg im Gebiet Transkarpatien, wo ein besonders buntes Völkergemisch lebt.
Lassen wir die Menschen, die in der Ukraine mit grossem Mut an vorderster Front gegen den Krieg und für den Frieden kämpfen, nicht allein. Nehmen wir sie zu unserem Vorbild. Gehen wir millionenfach auf die Strassen, nicht mit US-amerikanischen, nicht mit EU-, nicht mit ukrainischen und nicht mit russischen Flaggen, sondern mit den Flaggen des Friedens. Kriege sind nicht Naturkatastrophen, die ohne unser Zutun über uns kommen. Kriege werden von Menschen gemacht. Sie werden von Menschen ermöglicht. Sie werden von Menschen geschürt. Aber sie können auch von Menschen verhindert oder beendet werden.
Es macht zweifellos einen Unterschied, ob 700 Millionen Menschen – so viele nämlich leben in Europa und es gibt wohl nur ganz Vereinzelte unter ihnen, die den Krieg dem Frieden vorziehen – ihre Stimme erheben, kritische Fragen stellen, Briefe und Pamphlete schreiben, nicht locker lassen, bis Frieden ist – oder ob sie sich in Schweigen hüllen und bloss ihren täglichen Beschäftigungen und Vergnügungen nachgehen. Gleichgültigkeit kann tödlich sein. So viel mindestens sollten wir in den hundert Jahren seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gelernt haben. Noch ist es nicht zu spät. Machen wir uns ans Werk.
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Samstag, 16. August 2014
Donnerstag, 1. Mai 2014
Ich wünschte mir...
Nun endlich wissen wir es: Dass Frauen in vergleichbaren Jobs rund 19 Prozent weniger verdienen als Männer, hat nichts mit Benachteiligung oder Diskriminierung zu tun, sondern ist einzig und allein eine Folge der «inneren Einstellung der Frauen», die «nicht bereit sind, höhere Anstrengungen im Beruf auf sich zu nehmen». So jedenfalls die Meinung des schweizerischen Arbeitgeberpräsidenten Roland Müller, kundgetan anlässlich einer Pressekonferenz im Bundeshaus vergangenen Montag. Eine Aussage, die sich an Arroganz und Abgehobenheit wohl kaum mehr überbieten lässt.
Ich wünschte mir, Herr Müller würde nur wenigstens eine Woche lang jene Arbeit verrichten, die von Serviceangestellten, Zimmermädchen in Luxushotels, Callcenter-Mitarbeiterinnen, Coiffeusen, Verkäuferinnen in Schuh- und Modegeschäften, Putzfrauen und Hilfspflegerinnen in Altersheimen Tag für Tag, über Jahre hinweg, geleistet wird. Und dass er dann ebenso, wie Hunderttausende dieser Frauen, jeden Abend todmüde ins Bett fallen würde, mit Füssen voller Blasen, schmerzenden Armen und Beinen, einem krumm gearbeiteten Rücken und den Kopf immer noch voller Befehle, Zurechtweisungen, Reklamationen und Vorwürfe, mit denen man durch den Arbeitstag gehetzt wurde. Und dass er dann ebenso wie so viele dieser Frauen, obwohl er so hart gearbeitet hätte, zu alledem zusätzlich noch von finanziellen Sorgen geplagt wäre und regelmässig gegen Monatsende feststellen müsste, dass das noch vorhandene Haushaltsgelds nicht einmal mehr für das Allernotwendigste ausreicht…
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Müller, wenn er dies alles erlebt hätte, auch weiterhin noch solchen Unsinn verbreiten könnte.
Ich wünschte mir, Herr Müller würde nur wenigstens eine Woche lang jene Arbeit verrichten, die von Serviceangestellten, Zimmermädchen in Luxushotels, Callcenter-Mitarbeiterinnen, Coiffeusen, Verkäuferinnen in Schuh- und Modegeschäften, Putzfrauen und Hilfspflegerinnen in Altersheimen Tag für Tag, über Jahre hinweg, geleistet wird. Und dass er dann ebenso, wie Hunderttausende dieser Frauen, jeden Abend todmüde ins Bett fallen würde, mit Füssen voller Blasen, schmerzenden Armen und Beinen, einem krumm gearbeiteten Rücken und den Kopf immer noch voller Befehle, Zurechtweisungen, Reklamationen und Vorwürfe, mit denen man durch den Arbeitstag gehetzt wurde. Und dass er dann ebenso wie so viele dieser Frauen, obwohl er so hart gearbeitet hätte, zu alledem zusätzlich noch von finanziellen Sorgen geplagt wäre und regelmässig gegen Monatsende feststellen müsste, dass das noch vorhandene Haushaltsgelds nicht einmal mehr für das Allernotwendigste ausreicht…
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Müller, wenn er dies alles erlebt hätte, auch weiterhin noch solchen Unsinn verbreiten könnte.
Donnerstag, 6. Februar 2014
Wäre dieser Traum denn so absurd und fern aller Realität?
Es wäre mir schon genug schmerzvoll unter die Haut gegangen, dieses Bild vor ein paar Tagen in der Zeitung, auf dem eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem jordanischen Zeltlager zu sehen ist. Als ich dann aber, beim Anblick des jüngsten der vier Kinder im Arm seiner Mutter, unwillkürlich an mein Enkelkind erinnert wurde, schätzungsweise fast gleichen Alters, eingehüllt in fast das gleiche weisse Kapuzenmäntelchen und mit einem Gesicht, das dem meines Enkelkindes so unglaublich ähnlich sieht, erfasste mich ein Gefühl so unbeschreiblicher Traurigkeit, dass ich dieses Bild seither nicht mehr aus meinem Kopf gebracht habe. Und je länger ich es vor mir sehe, umso weniger gelingt es mir, mich von dieser Traurigkeit wieder zu befreien.Gab es zu der Zeit, als Elina in einem sauberen, hellen und mit allem Komfort ausgestatteten schweizerischen Gebärsaal zur Erde kam, in jener Gegend, wo Zahiras Mutter ihr Kind erwartete, überhaupt irgendwo noch ein einigermassen funktionstüchtiges Spital? Oder wäre nur schon eine wärmende Decke ein Luxus gewesen, an den man nicht einmal zu denken wagte? Wo verbrachte Zahira, während Elina wenige Tage später von ihren Eltern nach Hause gebracht und in ihr süsses Himmelkinderbettchen voller bunter Spielzeuge gelegt wurde, die ersten Tage und Nächte ihres Lebens? In einem eiskalten Kellergewölbe unter den Trümmern ihres soeben in die Luft gesprengten Hauses? In einem Stall Seite an Seite mit ein paar Ziegen und Schafen, die wenigstens ein ganz klein wenig Wärme spendeten? Oder schon mitten auf der Flucht irgendwo auf einem offenen, sturmgepeitschten Feld unter Bombengewitter und dem ohrenbetäubenden Krachen feuerspeiender Raketen? Hatten nicht Elina und Zahira im Augenblick ihrer Geburt noch genau die gleiche Sehnsucht gehabt nach einer Welt voller Liebe und Frieden? Wer und weshalb und was bestimmt, ob ein Kind inmitten des Paradieses oder inmitten der Hölle auf Erden geboren wird?
Weiter und weiter, jede Frage ergibt eine nächste. Was hat Zahiras Mutter und was haben ihre Geschwister in ihrem so jungen Leben schon alles gesehen, wie viel Angst, wie viele Schmerzen, wie grosse Kälte und wie brennenden Hunger schon ertragen müssen? Gehörten sie vielleicht zu jener Gruppe von Flüchtlingen im Grenzgebiet zum Libanon, von denen anfangs Dezember 2013 berichtet wurde, sie seien von einem Rudel hungriger Wölfe angegriffen worden? Kam vielleicht der Vater ums Leben, als er seine Frau und seine Kinder zu retten versuchte? Oder war er schon längst zuvor als Soldat im Krieg ums Leben gekommen, haben sie überhaupt Nachricht von ihm, wissen sie überhaupt, ob er noch lebt? Ist Zahiras Schwester, die am rechten Bildrand zu sehen ist, vielleicht eines jener zahllosen Mädchen und jungen Frauen, die in den bald drei Jahren, da der syrische Bürgerkrieg nun schon wütet, Opfer einer oder gar mehrfacher, häufigst mit bestialischer Grausamkeit verübten Vergewaltigung geworden sind? Und hat Zahiras Bruder, der mit seinen tieftraurigen Augen in eine ferne Leere zu starren scheint, vielleicht mitansehen müssen, wie Menschen getötet oder gefoltert wurden, oder ist er gar selber von einem «Freiheitskämpfer» gefoltert worden, der ihn auf diese Weise dazu brachte, den Aufenthaltsort seines Vaters preiszugeben und ihn dadurch dem Tod auszuliefern? Und weshalb ist das Gesicht der Mutter nicht zu sehen? Versteckt sie es aus lauter Scham über das Elend ihrer Familie oder ist ihr Gesicht vielleicht durch einen Angriff mit Gift, Säure oder durch Granatensplitter so entstellt, dass sie es niemandem zu zeigen wagt?
Und doch, inmitten allen Elends, dem auch die schlimmsten Gedankengänge nicht annähernd gerecht zu werden vermöchten: das Wunder der Liebe, die Hand des Mädchens am rechten Bildrand ganz sachte ans Händchen ihrer kleinen Schwester gedrückt, den Mund zu einem sanften Kuss geformt an ihrem Ärmchen, das zweite Mädchen, links, als versuchte sie mit äusserster Anstrengung, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, ihren kleinen Bruder aus seiner Trauer und seiner Leere herauszureissen, ihm ein klein wenig Mut zu machen, ihm ein kleines bisschen Lebensfreude, vielleicht sogar ein Lächeln abzugewinnen. Woher kommt das alles, inmitten dieser unermesslichen Grausamkeit, diese Liebe, diese Zärtlichkeit, diese Sanftmut, diese Kraft in einem Kind, das selber bis zum Äussersten geschunden wurde und dennoch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, der kleinen Schwester oder dem kleinen Bruder, dem es noch viel schlechter geht als ihm selber, ein wenig Trost zu geben, ihn ein bisschen aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen? Ich sehe die Männer vor mir, die jetzt gerade an der «Friedenskonferenz» in Genf an langen, mit reichlich Speis und Trank gedeckten Tischen sitzen, mit finsterer Miene und verschlossenem Gesicht, und sich bis zum Äussersten dagegen wehren, mit jenen, die sie als ihre «Feinde» bezeichnen, auch nur einen einzigen Blick oder ein einziges Wort auszutauschen. Und ich sehe die Hand des kleinen Mädchens, ihren weichen Mund, den leeren Blick des kleinen Bruders und diese dunkle Stelle, wo sich das Gesicht der Mutter noch immer verbirgt. Weshalb sitzen an den Tischen in Genf nur die Männer und nicht eine einzige Frau und erst recht nicht ein einziges Kind?
Mehr als sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer haben seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen müssen, viele von ihnen haben alles verloren, was ihnen lieb gewesen war, die besten Freunde, Nachbarn, Geschwister, den Vater, die Mutter, die eigenen Kinder. Die meisten von ihnen sind immer noch auf der Flucht, andere wiederum mussten aus Gegenden, in denen sie sich schon sicher wähnten, von neuem fliehen, und wieder andere sind seit Wochen und Monaten in Dörfern oder Städten eingekesselt, welche von der Aussenwelt vollkommen abgeschnitten sind, ohne jeglichen Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Westliche Reisende, die Syrien vor dem Bürgerkrieg besucht hatten, berichteten übereinstimmend, sie seien in wenigen anderen Ländern so gastfreundlich aufgenommen worden wie in diesem Land und nirgendwo sonst hätten die Menschen so viel gelacht und seien so fröhlich gewesen wie hier. Das ist jetzt alles Vergangenheit.
Und auf einmal empfinde ich nur noch ein riesiges Gefühl von Scham. Ich schäme mich für dieses «reichste» Land der Welt, in dem ich lebe. Ich schäme mich für ein Land, in dem sich die Menschen hinter den immer dickeren Mauern ihres Wohlstands verstecken und so tun, als würden sie vom Rest der Welt nichts sehen und nichts hören. Ich schäme mich für ein Land, in dem eine Mehrheit der Bevölkerung unlängst einer Abschaffung jenes über Jahrzehnte bewährten Botschaftsasyls zugestimmt hat, das gerade für die Schwächsten unter den Flüchtlingen, die Frauen und die Kinder, nicht selten die einzige und letzte Möglichkeit bot, auf legalem Weg lebensbedrohender Verfolgung zu entrinnen und an einem sicheren Ort Schutz zu finden. Ich schäme mich für ein Land, dessen Antwort auf die Schreckensbilder tot oder halbverhungert an den Küsten Südeuropas aufgefundener Flüchtlinge einzig und allein darin besteht, noch effizientere Überwachungssysteme zu entwickeln und die Grenzen noch undurchlässiger zu machen, als sie es schon sind. Ich schäme mich für ein Land, in dem ein ganzes Dorf, als gäbe es keine grösseren Probleme, an der Urne darüber abzustimmen hat, ob es zwei aus Somalia stammenden Mädchen gestattet werden soll oder nicht, während des Schulunterrichts ein Kopftuch zu tragen – statt die beiden Mädchen mit aller Herzlichkeit willkommen zu heissen, sich dafür zu interessieren, wie es ihnen geht, was sie, bevor sie in die Schweiz kamen, alles erlebt hatten und was man dazu beitragen könnte, ihnen das Leben in ihrer neuen Heimat so angenehm wie nur möglich zu machen. Ich schäme mich für ein Land, in dem «Fremde» in erster Linie als Feinde und Eindringlinge betrachtet werden und nicht als Gäste und Freunde. Ich schäme mich für ein Land, wo es schon fast als «normal» angesehen wird, andere Menschen bloss aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer Religionszugehörigkeit in «Gut» und «Böse» einzuteilen. Und ich schäme mich für ein Land, dessen Parlament ausgerechnet in einer Zeit, da sich weltweit mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut befinden, nichts Gescheiteres weiss, als Waffenexporte – nachdem dies seit vielen Jahren unzulässig gewesen war – zukünftig erneut auch wieder in solche Staaten zuzulassen, wo elementarste Menschenrechte mit Füssen getreten werden.
Waren wir nicht alle im Augenblick unserer Geburt, genauso wie Elina und Zahira und alle anderen Kinder, die je geboren wurden und noch geboren werden, voller Sehnsucht nach einer Welt endloser Liebe und ewigen Friedens? Wann und weshalb hören diese Liebe, diese Sanftmut, diese Zärtlichkeit, die ein jedes Kind von Anbeginn seines Lebens in sich trägt, bei so vielen Menschen im Laufe ihres Älterwerdens irgendwann auf, um bei den einen in Gewalt, bei den anderen in Hass und bei wiederum anderen in puren Eigennutz oder totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer umzuschlagen? Ist die Hoffnung, eines Tages möge die Welt so aussehen, wie sie von uns allen als Kindern einmal erträumt war, denn so absurd und fern aller Realität? Die Menschheit hat es geschafft, bis in die tiefsten Tiefen der Ozeane und bis zu den äussersten Planeten des Sonnensystems vorzudringen, Informationen jeglichen beliebigen Umfangs und jeglicher beliebiger Komplexität innerhalb von Sekundenbruchteilen über die ganze Erde zu verbreiten, ganze Körperteile vom einen Organismus in einen anderen umzupflanzen, Krankheiten, die während Tausenden von Jahren als unheilbar galten, zu heilen, lebende und tote Materie in ihre allerkleinsten, unsichtbaren Teile zu zerlegen, neu zusammenzusetzen und zu Stoffen und Substanzen jeglicher gewünschter Qualität umzubilden. Und da sollten wir allen Ernstes nicht fähig sein eine Zukunft zu erschaffen, in der ein jedes Kind ganz unabhängig davon, wo es geboren wird, das gleiche Recht auf ein Leben in Liebe und Frieden hat und es weder dem Zufall, noch dem Schicksal, noch irgendetwas anderem überlassen wird, darüber zu entscheiden, ob ein Kind, wenn es geboren wird, in der Hölle landet oder im Paradies?
Mittwoch, 18. Dezember 2013
Nur einmal im Leben Skiferien in Arosa oder St. Moritz
Heute Morgen hat sie ihre letzten paar Franken zusammengekratzt und es ist ihr erster freier Tag nach sieben mal neun Stunden Kunden bedienen bis zum Umfallen und andere gehen jetzt Ski fahren nach Arosa oder St. Moritz und sie kratzt ihre letzten paar Franken zusammen. Fünf Tage muss es noch reichen aber den Blick von dem auf dem Sozialamt braucht sie jetzt nicht, da verzichtet sie lieber auf die Bananen und die Schokolade, auch wenn Manfred noch so quengelt.
Die verdammten Salzstengel und Schleckwaren immer auf der Augenhöhe und in Reichweite des Kleinen. Nein Manfred, leg das zurück. Aber das Mädchen dort drüben hat doch auch. Ja, aber du nicht. Vielleicht nächste Woche. Oder übernächste. Hinten, bei der Fleischabteilung, wartet Angela, die Gute hat's nicht vergessen. Rasch die Wurst, abgelaufen und nicht mehr verkaufbar, für Carla beiseite gesteckt und jetzt ins Einkaufskörbchen gelegt, bloss dass es niemand sieht, die an der Kasse weiss Bescheid, 30 Rappen sind in Ordnung, die Wurst wäre ja sonst im Abfalleimer gelandet.
Zahnpasta brauchen wir, ohne das geht's einfach nicht. Zwei Eier, dann haben wir ein bisschen was zur Wurst dazu. Das Brot am Morgen können wir auch ohne Butter und Marmelade essen. Das Cola kannst du vergessen. Und die Geburtstagsparty bei McDonalds gibt's dann vielleicht nächstes Jahr, wenn du sieben bist. Oder übernächstes, wenn ich vielleicht einen besseren Job habe. Oder wenn wir vielleicht eine billigere Wohnung finden. Oder wenn vielleicht die auf dem Sozialamt denken, dass man doch auch mal wem eine Freude machen könnte, so ganz extra und ausserhalb jeglicher Norm.
Ob es die Zahnpasta ist oder die Wohnungsmiete, die abgelaufene Wurst oder die Krankenkassenprämie, die zwei Eier, das Cola oder der McDonalds: Ganz oben, unsichtbar, sitzt fast immer ein Mann. Bei jedem Handgriff, wo immer etwas hergestellt, gekauft oder verkauft wird, bei jedem der letzten Frankenstücke bis Ende Monat, wo immer eine Ware ihren Besitzer wechselt, wo immer Geld von der einen Hand in die andere hinüberwechselt, wo immer du ein bisschen ärmer wirst, wird er, der unsichtbare Mann, ein bisschen reicher. Fünf- oder zehntausend oder mehr Carlas quälen sich an diesem Morgen mit schmerzenden Beinen und Rücken von viel zu viel Arbeit und viel zu viel Traurigkeit mit ihren viel zu lauten, zappeligen, nervigen kleinen Manfreds an endlosen Warenhausgestellen entlang und stellen die Zahnpasta noch einmal zurück, weil es doch noch Dringenderes gäbe, und nehmen sie dann doch wieder, weil sie den schlechten Atem im eigenen Mund einfach nicht mehr ertragen. Und jedes Mal, bei jeder Zahnpasta und bei jeder noch so abgelaufenen Wurst, bei den Eiern und bei dem halben Liter Milch, der wieder für zwei Tage reichen muss, klingelt eine unsichtbare Kasse mit. Wenn Carla ihr Häufchen auf dem Fliessband aufgeschichtet und ihre letzten paar Franken aus der Geldtasche zusammengeklaubt hat, dann hat sich die schwarzgezackte Linie an der Wand hinter dem unsichtbaren Mann wieder um einen Bruchteil eines Millimeters nach oben bewegt, und das millionenfach, wo immer eine Zahnpasta, zwei Eier, ein halber Liter Milch und eine abgelaufene Wurst über ein Fliessband rollen. Reiche werden nicht reich, weil sie viel arbeiten, viele Schmerzen in den Beinen und im Rücken und quengelnde Kinder am Rockzipfel haben. Reiche werden reich, weil sie viel besitzen. Und Arme werden auch dann noch ärmer, wenn sie bis zum Umfallen gearbeitet haben und trotz aller Schmerzen ihre Geduld mit dem kleinen Manfred immer noch nicht verloren und spät nachts den leeren Tisch abgeräumt haben und nur noch davon träumen, auch einmal im Leben, nur ein einziges Mal, in Arosa oder in St. Moritz mit dem kleinen Manfred Skiferien machen zu können.
Die verdammten Salzstengel und Schleckwaren immer auf der Augenhöhe und in Reichweite des Kleinen. Nein Manfred, leg das zurück. Aber das Mädchen dort drüben hat doch auch. Ja, aber du nicht. Vielleicht nächste Woche. Oder übernächste. Hinten, bei der Fleischabteilung, wartet Angela, die Gute hat's nicht vergessen. Rasch die Wurst, abgelaufen und nicht mehr verkaufbar, für Carla beiseite gesteckt und jetzt ins Einkaufskörbchen gelegt, bloss dass es niemand sieht, die an der Kasse weiss Bescheid, 30 Rappen sind in Ordnung, die Wurst wäre ja sonst im Abfalleimer gelandet.
Zahnpasta brauchen wir, ohne das geht's einfach nicht. Zwei Eier, dann haben wir ein bisschen was zur Wurst dazu. Das Brot am Morgen können wir auch ohne Butter und Marmelade essen. Das Cola kannst du vergessen. Und die Geburtstagsparty bei McDonalds gibt's dann vielleicht nächstes Jahr, wenn du sieben bist. Oder übernächstes, wenn ich vielleicht einen besseren Job habe. Oder wenn wir vielleicht eine billigere Wohnung finden. Oder wenn vielleicht die auf dem Sozialamt denken, dass man doch auch mal wem eine Freude machen könnte, so ganz extra und ausserhalb jeglicher Norm.
Ob es die Zahnpasta ist oder die Wohnungsmiete, die abgelaufene Wurst oder die Krankenkassenprämie, die zwei Eier, das Cola oder der McDonalds: Ganz oben, unsichtbar, sitzt fast immer ein Mann. Bei jedem Handgriff, wo immer etwas hergestellt, gekauft oder verkauft wird, bei jedem der letzten Frankenstücke bis Ende Monat, wo immer eine Ware ihren Besitzer wechselt, wo immer Geld von der einen Hand in die andere hinüberwechselt, wo immer du ein bisschen ärmer wirst, wird er, der unsichtbare Mann, ein bisschen reicher. Fünf- oder zehntausend oder mehr Carlas quälen sich an diesem Morgen mit schmerzenden Beinen und Rücken von viel zu viel Arbeit und viel zu viel Traurigkeit mit ihren viel zu lauten, zappeligen, nervigen kleinen Manfreds an endlosen Warenhausgestellen entlang und stellen die Zahnpasta noch einmal zurück, weil es doch noch Dringenderes gäbe, und nehmen sie dann doch wieder, weil sie den schlechten Atem im eigenen Mund einfach nicht mehr ertragen. Und jedes Mal, bei jeder Zahnpasta und bei jeder noch so abgelaufenen Wurst, bei den Eiern und bei dem halben Liter Milch, der wieder für zwei Tage reichen muss, klingelt eine unsichtbare Kasse mit. Wenn Carla ihr Häufchen auf dem Fliessband aufgeschichtet und ihre letzten paar Franken aus der Geldtasche zusammengeklaubt hat, dann hat sich die schwarzgezackte Linie an der Wand hinter dem unsichtbaren Mann wieder um einen Bruchteil eines Millimeters nach oben bewegt, und das millionenfach, wo immer eine Zahnpasta, zwei Eier, ein halber Liter Milch und eine abgelaufene Wurst über ein Fliessband rollen. Reiche werden nicht reich, weil sie viel arbeiten, viele Schmerzen in den Beinen und im Rücken und quengelnde Kinder am Rockzipfel haben. Reiche werden reich, weil sie viel besitzen. Und Arme werden auch dann noch ärmer, wenn sie bis zum Umfallen gearbeitet haben und trotz aller Schmerzen ihre Geduld mit dem kleinen Manfred immer noch nicht verloren und spät nachts den leeren Tisch abgeräumt haben und nur noch davon träumen, auch einmal im Leben, nur ein einziges Mal, in Arosa oder in St. Moritz mit dem kleinen Manfred Skiferien machen zu können.
Freitag, 15. November 2013
Alles eine Frage des Wirtschaftssystems
«Ein Verbot der Prostitution führt nicht dazu, dass diese nicht mehr stattfindet – es gibt sie weiterhin, nur eben im Verborgenen, und dort ist es noch viel schwieriger, die Frauen zu schützen, denn kriminalisierte Frauen werden noch ausbeutbarer», so Rebecca Angelini, Mitarbeiterin der Zürcher Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) in der «Wochenzeitung» vom 19.9.2013. Die gleiche Ansicht vertrat Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg, vor zwei Tagen in der Sendung «sternTV» und sprach sich ebenfalls gegen ein Verbot der Prostitution aus, wie es zum Beispiel in Schweden bereits seit 1999 existiert.
Natürlich haben Rebecca Angelini, Susanne Kahl-Passoth und viele andere Frauen, die ebenfalls vor einem Verbot der Prostitution warnen, weil das die Situation der betroffenen Frauen nur noch weiter verschlimmern und sie noch grösserer Gewalt und Ausbeutbarkeit aussetzen würde, grundsätzlich Recht. Wenn dann aber, um gegen ein Prostitutionsverbot zu argumentieren, gar noch behauptet wird, die betroffenen Frauen hätten ja grundsätzlich ein «Recht» darauf, diesen Beruf auszuüben, dann frage ich mich schon, wie weit die Akzeptanz der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung denn schon vorangeschritten sein muss, dass selbst Frauen, welche in ihrer täglichen Arbeit das ganze Ausmass an mit Prostitution verbundener Gewalt und Menschenverachtung mitbekommen und ihre eigene politische Einstellung durchaus als «kritisch«, «fortschrittlich» und «emanzipiert» bezeichnen würden, dennoch anderen Frauen nicht das «Recht» darauf absprechen möchten, ihre Körper gegen Geld zu verkaufen. «Es gibt viele Frauen, die sich – den Umständen entsprechend – freiwillig für die Sexarbeit entscheiden. Sie loten ihre Möglichkeiten aus und entscheiden sich bewusst für dieses Gewerbe, weil es ihnen ein ordentliches Einkommen erlaubt» - so die bereits oben zitierte FIZ-Mitarbeiterin Rebecca Angelini.
Ja, wenn man davon ausgeht, dass die Welt nun halt mal so ist, wie sie ist, und sich höchstwahrscheinlich auch nicht so bald ändern wird, dann wird jeder noch so verzweifelte Versuch, jede noch so brutale Selbsterniedrigung zum Zwecke des nackten Überlebens früher oder später zum «legitimen Menschenrecht», das in Anspruch zu nehmen doch niemandem verwehrt werden könne.
Natürlich greift die Forderung nach einem Prostitutionsverbot viel zu kurz. Natürlich wäre das reine Symptombekämpfung. Natürlich würde das unter Umständen die Situation der betroffenen Frauen zusätzlich noch viel schlimmer machen, als sie es jetzt schon ist. Aber die Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis kann doch nicht sein, dass man sich damit abfindet und alle Kräfte nur noch darauf ausrichtet, wenigstens die allerschlimmsten Auswüchse ein ganz klein wenig abzumildern. Gleichzeitig und noch viel deutlicher und radikaler müsste doch die Forderung nach der Verwirklichung jener globalen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse erhoben werden, in denen es gar nicht mehr nötig ist, dass irgendwo auf der Welt eine Frau vor die Wahl gestellt wird, entweder sich und ihre Familie im Elend versinken zu lassen, oder aber ihre Heimat zu verlassen, sich all den mit Prostitution und Frauenhandel verbundenen Gefahren auszusetzen und ihren Körper täglicher Ausbeutung und Zerstörung preiszugeben.
Prostitution und Menschenhandel sind nicht die einzigen, aber vielleicht die grausamsten Auswirkungen des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, welches dazu führt, dass sich an den einen Orten der Welt immer mehr Macht, Geld und Luxus anhäufen, während gleichzeitig an vielen anderen Orten dieser gleichen Welt immer mehr Menschen gezwungen sind, mit immer verzweifelteren Mitteln um ihr blosses Überleben zu kämpfen. Eine gerechte Welt, in der alle Menschen unabhängig davon, wo sie geboren wurden, die gleichen Chancen auf ein menschenwürdiges Dasein haben, ist keine Utopie. Es ist die einzige logische und vernünftige Alternative zu dieser aus allen Fugen geratenen heutigen Wirklichkeit, die wir als das «einzig Mögliche» und «Normale» zu sehen gewohnt sind.
Und wenn dann eines Tages auch in Ungarn, in Weissrussland, in Nigeria und in Kolumbien jede Frau die Möglichkeit hat, mittels einer menschenwürdigen beruflichen Tätigkeit ihren Lebensunterhalt zu sichern, dann kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich dann noch viele von ihnen freiwillig und bewusst dafür entscheiden werden, mitten im Winter in irgendeiner europäischen Grossstadt halbnackt auf der Strasse zu stehen und nur darauf zu warten, sich vom nächstbesten Mann verprügeln, sich die Haut zerschneiden oder sich ihre Zähne ausschlagen zu lassen.
Natürlich haben Rebecca Angelini, Susanne Kahl-Passoth und viele andere Frauen, die ebenfalls vor einem Verbot der Prostitution warnen, weil das die Situation der betroffenen Frauen nur noch weiter verschlimmern und sie noch grösserer Gewalt und Ausbeutbarkeit aussetzen würde, grundsätzlich Recht. Wenn dann aber, um gegen ein Prostitutionsverbot zu argumentieren, gar noch behauptet wird, die betroffenen Frauen hätten ja grundsätzlich ein «Recht» darauf, diesen Beruf auszuüben, dann frage ich mich schon, wie weit die Akzeptanz der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung denn schon vorangeschritten sein muss, dass selbst Frauen, welche in ihrer täglichen Arbeit das ganze Ausmass an mit Prostitution verbundener Gewalt und Menschenverachtung mitbekommen und ihre eigene politische Einstellung durchaus als «kritisch«, «fortschrittlich» und «emanzipiert» bezeichnen würden, dennoch anderen Frauen nicht das «Recht» darauf absprechen möchten, ihre Körper gegen Geld zu verkaufen. «Es gibt viele Frauen, die sich – den Umständen entsprechend – freiwillig für die Sexarbeit entscheiden. Sie loten ihre Möglichkeiten aus und entscheiden sich bewusst für dieses Gewerbe, weil es ihnen ein ordentliches Einkommen erlaubt» - so die bereits oben zitierte FIZ-Mitarbeiterin Rebecca Angelini.
Ja, wenn man davon ausgeht, dass die Welt nun halt mal so ist, wie sie ist, und sich höchstwahrscheinlich auch nicht so bald ändern wird, dann wird jeder noch so verzweifelte Versuch, jede noch so brutale Selbsterniedrigung zum Zwecke des nackten Überlebens früher oder später zum «legitimen Menschenrecht», das in Anspruch zu nehmen doch niemandem verwehrt werden könne.
Natürlich greift die Forderung nach einem Prostitutionsverbot viel zu kurz. Natürlich wäre das reine Symptombekämpfung. Natürlich würde das unter Umständen die Situation der betroffenen Frauen zusätzlich noch viel schlimmer machen, als sie es jetzt schon ist. Aber die Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis kann doch nicht sein, dass man sich damit abfindet und alle Kräfte nur noch darauf ausrichtet, wenigstens die allerschlimmsten Auswüchse ein ganz klein wenig abzumildern. Gleichzeitig und noch viel deutlicher und radikaler müsste doch die Forderung nach der Verwirklichung jener globalen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse erhoben werden, in denen es gar nicht mehr nötig ist, dass irgendwo auf der Welt eine Frau vor die Wahl gestellt wird, entweder sich und ihre Familie im Elend versinken zu lassen, oder aber ihre Heimat zu verlassen, sich all den mit Prostitution und Frauenhandel verbundenen Gefahren auszusetzen und ihren Körper täglicher Ausbeutung und Zerstörung preiszugeben.
Prostitution und Menschenhandel sind nicht die einzigen, aber vielleicht die grausamsten Auswirkungen des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, welches dazu führt, dass sich an den einen Orten der Welt immer mehr Macht, Geld und Luxus anhäufen, während gleichzeitig an vielen anderen Orten dieser gleichen Welt immer mehr Menschen gezwungen sind, mit immer verzweifelteren Mitteln um ihr blosses Überleben zu kämpfen. Eine gerechte Welt, in der alle Menschen unabhängig davon, wo sie geboren wurden, die gleichen Chancen auf ein menschenwürdiges Dasein haben, ist keine Utopie. Es ist die einzige logische und vernünftige Alternative zu dieser aus allen Fugen geratenen heutigen Wirklichkeit, die wir als das «einzig Mögliche» und «Normale» zu sehen gewohnt sind.
Und wenn dann eines Tages auch in Ungarn, in Weissrussland, in Nigeria und in Kolumbien jede Frau die Möglichkeit hat, mittels einer menschenwürdigen beruflichen Tätigkeit ihren Lebensunterhalt zu sichern, dann kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich dann noch viele von ihnen freiwillig und bewusst dafür entscheiden werden, mitten im Winter in irgendeiner europäischen Grossstadt halbnackt auf der Strasse zu stehen und nur darauf zu warten, sich vom nächstbesten Mann verprügeln, sich die Haut zerschneiden oder sich ihre Zähne ausschlagen zu lassen.
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